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08.02.2005

Erinnerungen aus der Tiefe der Geschichte

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Heimat sei etwas, was wir manchmal nur leise hören, Rufe aus der Tiefe der Geschichte, Lieder, Legenden, Märchen. Immer wieder ist Armin Müller dieser inneren Stimme, die ihn von weit her - aus seiner alten schlesischen Heimat - rief, gefolgt und hat seine Erinnerungen in Poesie verwandelt: zahllose Gedichte, Geschichten, mehrere Romane und zuletzt vor allem von unbändiger Fabulierlust getragene Bilder summieren sich zu einem OEuvre, das einen wichtigen Platz in der Literatur des 20. Jahrhunderts einnimmt und der Versöhnung der Nachbarvölker nach dem Zweiten Weltkrieg verpflichtet ist. In der Nacht zum Montag ist die Stimme verstummt; der Weimarer Schriftsteller starb nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren.

Hinter ihm liegt ein langer Weg der Selbstfindung und Aufarbeitung eines der heikelsten Kapitel deutscher Geschichte. Am 25. Oktober 1928 im niederschlesischen Schweidnitz geboren, wurde Armin Müller nach dem Krieg als 17-Jähriger nach Thüringen verschlagen und kam über Eisenach nach Weimar, wo er seit 1946 lebte. Drei Jahre später legte er seinen ersten Gedichtband vor: "Hallo, Bruder aus Krakau" war ein poetischer Brückenschlag nach Osten. Der junge Poet verfasste zunächst Jugendlieder; in der gerade gegründeten DDR herrschte Aufbruchsstimmung, und die schrecklichen Erfahrungen des Krieges sollten rasch abgeworfen werden. So schleppte Armin Müller, der später mit so wunderbaren Büchern wie die im Greifenverlag zu Rudolstadt erschienenen "Meine verschiedenen Leben" (1978), "Der Magdalenenbaum" (1979) oder "Taube aus Papier" (1981) bekannt wurde, jahrzehntelang eine seelische Last mit sich: die Erinnerung an den Verlust der Heimat.

Reisen nach S.

Das Motiv klingt immer wieder an, doch die Vertreibung der Deutschen aus Polen war in der DDR lange kein öffentliches Thema. In Armin Müllers Gedichtband "Reise nach S." (1965) ist schließlich vom Schmerz des Heimatverlusts die Rede; das S. im Titel steht für Swidnica, aber auch für Schlesien. Doch erst in dem 1986 veröffentlichten, autobiografisch gefärbten Roman "Der Puppenkönig und ich" wird die Prägung durch Flucht und Vertreibung zum zentralen literarischen Thema. Das Buch erlebte 1997 eine Neuauflage und wurde mit dem Eichendorff-Literatur-Preis ausgezeichnet.

Als weiteren Einschnitt in sein Leben empfand Armin Müller den Zusammenbruch seiner Ideale. Für ihn, der als Jugendlicher noch in den "Volkssturm" getrieben worden war und der nach dem Krieg hatte mithelfen wollen, eine neue, gerechtere Gesellschaft aufzubauen, wurde der Missbrauch der sozialistischen Idee zur bittersten Enttäuschung seines Lebens.

Seinen 75. Geburtstag feierte Müller mit einer Ausstellung in Bad Berka, und 2004 wurden seine Bilder und Bücher in seiner Geburtsstadt gezeigt. Zuvor war der Weimarer Malerpoet zum Ehrenbürger von Swidnica ernannt worden. Dass eine Stadt im polnisch gewordenen Schlesien einen ihrer ehemaligen Bürger, einen Vertriebenen, ehre, habe etwas mit einer neuen gemeinsamen Sicht auf die Geschichte zu tun, freute sich Armin Müller. Dem Ort der Ausstellung, der Friedenskirche in Schweidnitz, kam dabei symbolische Bedeutung zu: Mehrmals hatte Müller das Gotteshaus, in dessen Nähe er aufgewachsen war und in dem er als Neunjähriger der Trauerfeier für seinen Vater beiwohnte, gemalt. Sein Vorhaben, die Lebenserinnerungen zu Papier zu bringen, konnte der Autor nicht mehr verwirklichen.

In Gedenken an Armin Müller lesen am 16. Februar, 19.30 Uhr, Thüringer Autoren in der Stadtbücherei Weimar.