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22.09.2006

Erinnerung an einen wichtigen Erzähler

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar/Koblenz. (tlz) Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Bücher Joseph Breitbachs, eines Autors, der heute in Ost und West beinahe vergessen ist. "Ich kannte und schätze ihn als Erzähler", sagt Wulf Kirsten. "Jetzt habe ich mich intensiv mit seinen Essays beschäftigt." Im Zug, der den Weimarer gestern nach Koblenz brachte, begleitete ihn Breitbachs 1964 erschienener Roman "Bericht über Bruno", eine spannungsvolle Vater-Sohn-Geschichte über das Verhältnis zweier Generationen zur Macht.
Natürlich interessiert Kirsten besonders das antifaschistische Wirken des Schriftstellers und Emigranten Joseph Breitbach (1903-1980), auf den er schon vor langer Zeit über seine Beschäftigung mit F.C. Weiskopf aufmerksam wurde. Die Tatsache, dass 1940, nach Einmarsch der deutschen Truppen in Paris, Breitbachs Bibliothek samt Manuskripten beschlagnahmt wurde, bewegt ihn. Nicht nur ein tausend Seiten starker Roman blieb verschollen, auch das über 23 Jahre geführte Tagebuch "Über meine Umwelt". Der Weimarer Dichter Wulf Kirsten, der am heutigen Freitag in Koblenz, dem Geburtsort des deutschen Erzählers und Dramatikers, mit dem Joseph-Breitbach-Preis geehrt wird, weiß, was ein solcher Verlust bedeutet.

Kirsten, der Poet, ist selbst ein leidenschaftlicher Chronist, ein Sammler von Worten und Wendungen, ein Wortarbeiter im schöpferischen Sinne. Die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz sowie die Stiftung Joseph Breitbach zeichnen den 72-Jährigen für seine Lyrik aus, die sich vor allem um die Landschaft seiner Heimat und ihre Geschichte dreht. Wulf Kirsten ist aber nicht nur ein viel gelesener und anerkannter Dichter - genannt seien hier die jüngsten Lyrikbände "Wettersturz" (1999) und "Erdlebenbilder" (2004) -, sondern auch ein Zeitgenosse, der sich für Kollegen einsetzt und die Erinnerung an vergessene, verfolgte, verdrängte Autoren wach hält. Seine Bibliografie enthält mehr als 50 Herausgaben. Mit seinem Sohn Holm publizierte er vor vier Jahren das Lesebuch "Stimmen aus Buchenwald", das mit Erinnerungstexten ehemaliger Häftlinge des Lagers bekannt macht.

Ein fast Vergessener ist für ihn auch Breitbach. Es gibt keine Biografie über den Autor, der sich nach dem Krieg mehr an der französischen Literatur orientiert hat, als an der deutschen, und mit André Gide befreundet war. "Wäre es nicht hoch an der Zeit, Joseph Breitbach eine umfassende biografische Darstellung zu widmen?" wird der Preisträger heute in Koblenz in seiner Dankesrede fragen.

Erinnerungslücken schließen - seit jeher ein Anliegen des Dichters Kirsten, der zu DDR-Zeiten eine Kurzgeschichte Breitbachs in die gemeinsam mit Konrad Paul herausgegebene dreibändige Anthologie "Deutschsprachige Erzählungen 1900-1945" aufgenommen hat. Der mit 50 000 Euro dotierte Breitbach-Preis ist eine der höchst dotierten Literaturauszeichnungen Deutschlands und Wulf Kirsten ein in jeder Hinsicht würdiger Preisträger.