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24.02.2011

Erich Loest: Ein Grenzgänger erzählt

von Kai Agthe TLZ

Im Osten wie im Westen bekannt: In der DDR mischte sich Erich Loest immer wieder in kulturpolitische Diskussionen ein. Nach siebenjähriger Haft, Zensurmaßnahmen und intensiver werdender Bespitzelung reiste er 1981 in die Bundesrepublik aus. Foto: ddp

 

Der Schriftsteller Erich Loest, bekannt für seine realistischen Romane, feiert am Mittwoch seinen 85. Geburtstag.

Leipzig. "Erich Loest, das ist die DDR selbst - eine, die sich zu erzählen weiß", notierte der Berliner Publizist Friedrich Dieckmann anlässlich des 70. Geburtstages von Erich Loest. Heute, da der große Schriftsteller in Leipzig seinen 85. Geburtstag feiert, darf das Lob wiederholt werden. Am 24. Februar 1926 in Mittweida geboren, hat Erich Loest das 20. Jahrhundert am eigenen Leib als ein Jahrhundert der Extreme erfahren - und es große Dichtung werden lassen. Im besten Sinne des (durch ideologische Verzerrung in der DDR viel geschmähten) Wortes hat Loest, der sich seine Stilsicherheit hart erkämpfen musste, gezeigt, wie realistische Literatur aussehen kann. 1947 fand er als Journalist in Leipzig zum Schreiben. Es ist auch das Jahr, in dem er in die SED eintrat, deren maßgebliche Vertreter ihn später wegen angeblich "offen feindlichem Auftreten" und "konterrevolutionärer Gruppenbildung" einsperrten. 1950 wurde er freier Schriftsteller, das heißt, seine Bibliografie umfasst nicht nur viel Dutzend Romane, Erzählungen und autobiografische Schriften, sondern 60 Jahre, also ein Menschenleben. Für seine Leistungen als Schriftsteller und redlicher Intellektueller vor, während und nach der deutschen Teilung wurde er vielfach geehrt: Er ist Ehrendoktor der Universitäten Chemnitz (2001) und Gießen (2009) sowie seit 1999 Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Loests reichhaltiges literarisches Gesamtwerk fußt auf drei Themen: das deutsch-deutsche 20. Jahrhundert, seine eigene Lebensgeschichte und historische Episoden aus der sächsischen Vergangenheit. Zu letzteren gehört auch "Swallow, mein wackerer Mustang", eine 1980 erschienene Romanbiografie über den damals in der DDR noch verachteten Karl May. Es war das einzige Buch, das auch nach der Ausreise Erich Loests in die Bundesrepublik in der DDR erhältlich blieb. Nur ein Jahr nach der Lebensgeschichte über den sächsischen Hochstapler und Winnetou-Schöpfer äußerte sich Loest erstmals umfassend zu seiner Person: "Durch die Erde ein Riss", tiefstapelnd mit "Ein Lebenslauf" untertitelt, reicht von seiner Kindheit im ,Dritten Reich', das er als "pünktlicher Pimpf" und "Werwolf" aktiv erlebte, bis zur Entlassung aus dem politischen Gefängnis Bautzen II 1964, wo er sieben lange Jahre einsaß.

Krimis nach der Haft unter Pseudonym

An "Durch die Erde ein Riss" hat er von 1972 bis 1981 gearbeitet, so lange wie an keinem anderen Werk. Es ist ein "Hauptbuch des deutschen 20. Jahrhunderts" (Dieckmann). Es thematisiert vor allem die Zeit vom Arbeiteraufstand 1953 über Chruschtschows Anti-Stalin-Rede 1956 bis zum Volksaufstand in Ungarn und zu den Arbeiterunruhen in Polen 1956. Und weil etwa die Proteste am 17. Juni 1953 in Berlin immer wieder durch Regengüsse unterbrochen wurden, kam Loest in "Durch die Erde ein Riss" denn auch zu dem nicht unwitzigen Fazit: "Der Chronist hält die geschichtsbildende Rolle der Gewitter des 17. Juni für erheblich."

Nach seiner Haftentlassung 1964 publizierte Loest unter Pseudonym Kriminalromane. Er wählte also ein Genre, das unverdächtig genug war, um nicht ins ideologische Schussfeld zu geraten. Aber das war nicht das Eigentliche. So, wie sein Wunsch nach Entstalinisierung der DDR ihn 1957 ins Gefängnis brachte, so mischte er sich auch später in die kulturpolitische Diskussionen ein. Die Politbürokratie unter Erich Honecker zeigte sich aber so unnachgiebig wie zuvor die unter Walter Ulbricht. Die Konfrontation erlebte ihren Höhepunkt 1979, als Loest gegen die Zensur in der DDR aufbegehrte. Die Folge war eine immer intensiver werdende Bespitzelung. Ähnlich wie Reiner Kunze in Greiz stand auch Erich Loest in Leipzig in den siebziger Jahren unter massiver Stasi-Beobachtung. Beide haben die Akten, die das Mielke-Ministerium über sie anlegte, Anfang der 1990er Jahre ohne größere Kommentierung in Auswahl publiziert. "Deckname Lyrik" heißt Kunzes, "Die Stasi war mein Eckermann" Loests Dokumentation. "Die Heldenstadt Leipzig", so Loest, "war für mich zur Spitzelstadt geworden." Die Wut war freilich nicht von Dauer. Denn in "Nikolaikirche" (1995) hat er die "heimliche Hauptstadt der DDR" (Uwe Johnson) als Ort gewürdigt, wo die politische Wende den Ausgang nahm. Loest spannt auf 500 Seiten einen großen zeitlichen Bogen vom März 1985 bis zum 9. Oktober 1989. Der Roman, der zuerst als Drehbuch vorlag, wurde 1995 mit Barbara Auer, Ulrich Matthes und Ulrich Mühe in den Hauptrollen für die ARD verfilmt.

Der Wirklichkeit die Zunge gelöst

Ein vielleicht einmaliger Vorgang in der deutschen Literatur dürfte gewesen sein, dass Loest bei der Auszeichnung mit dem "Kulturgroschen" am 29. September 2010 in Berlin offiziell verkündete, mit diesem Tag seine künstlerische und politische Arbeit beenden zu wollen - um seine Leser im noch jungen Jahr 2011 mit der Veröffentlichung des autobiografischen und selbstironisch-altersweise betitelten Buches "Man ist ja keine Achtzig mehr" zu überraschen. Friedrich Dieckmann war es auch, der den Epiker Loest 1996 in einem Essay mit dem ebenso kurzen wie sinnreichen Sprachspiel zu würdigen wusste: "Er löst der Wirklichkeit die Zunge." Dieckmann entlässt uns und spätere Generationen von Lesern mit dieser Gewissheit in die Loest-Lektüre: "Wenn künftige Zeiten einmal etwas von der DDR, diesem saxoborussischen Staats- und Gesellschaftsunternehmen unter russischem Protektorat, wissen wollen, werden sie das nirgendwo anschaulicher und prägnanter tun können als in seinen Büchern." So sei es.