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27.11.2013

Erfurterin Gabriele Stötzer: Niemals zu einem Pakt mit der Stasi verführt

von Luise Schende TLZ

Zwischen Verführung und hinreißender Drastik oszilliert die Kunst Stötzers. Foto: Peter Michaelis

Die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer stellt im Schiller-Museum Weimar 100 Arbeiten aus.

Weimar. "Es war immer ein Pakt mit dem Teufel", erinnert sich Gabriele Stötzer, und meint damit nicht die Zusammenarbeit mit Kuratorin Ulrike Bestgen und Direktor Wolfgang Holler von der Klassik Stiftung Weimar. Für das so wunderbar vom Stötzerschen Geist durchdrungene Ausstellungsprojekt "Schwingungskurve Leben" mit seinen 100 Keramiken, Gemälden, Skulpturen, Büchern, Webarbeiten und Fotografien, das ab morgen im Schiller-Museum der Klassikerstadt zu sehen sein wird, ist die frisch gebackene Bundesverdienstkreuz-Trägerin sichtlich eingenommen. "Ich bin dankbar, nicht neben Leuten zu sitzen, die mich hassen", sagt sie - ein wenig zurückhaltend, ein bisschen spröde und so herrlich empathisch, dass die kleine Frau sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden genießt.

Nein, das Kunstschaffen unter der Stasi, das habe sie als teuflisch empfunden, das sei das wahre Verhängnis der Künstler in der DDR gewesen. "Verunsichern, Isolieren, Vereinsamen" - die Stasi ließ in der kreativen Szene keinen sprichwörtlichen Stein auf dem anderen. Auch bei Gabriele Stötzer, die, bespitzelt von ihrem "liebsten Feind", dem IM Sascha Anderson, viele Male ins Fadenkreuz der Staatssicherheit geriet und selbst das Grauen des für seine unmenschlichen Lebensbedingungen berüchtigten Frauengefängnisses Burg Hoheneck miterleben musste, hätte diese Taktik des DDR-Regimes beinahe funktioniert. Während des Gefängnisaufenthalts verlor sie ihre Ideale vom Sozialismus, war "nicht mehr so klug" wie zuvor, berichtet die kritische, nunmehr 60-jährige Künstlerin, Schriftstellerin und Journalistin aus ihrer Erinnerung heraus.

Ihr Menschenbild hatte sich nach dem engen Kontakt zu den Knast-Frauen radikal geändert und passte schlecht in die Realität der vermeintlich demokratischen Ost-Republik. Aber die Kunst, das Schreiben, ihre ureigenen Formen der Aufarbeitung, dies alles hüllte Stötzer schon zu Gefängniszeiten in Kreatives - bevor sie später mit der Erfurter "Galerie im Flur" und ihren Künstlerinnen-Gruppen in der DDR-Bezirkshauptstadt zur, damals unbeabsichtigten, Triebfeder der ostdeutschen Kunst und des Feminismus wurde.

Erfurt wird immer wieder zum Thema

Die Künstlerin, die der Punk-Gemeinde Erfurts einst nahe stand, den bekannten Szenegänger "Spinne" damals als Erste fotografierte, war von dem Ausstellungsort "Schiller-Museum" für ihre "Schwingungskurve Leben" sofort angetan. Nicht ohne Grund: In Hoheneck las sie Friedrich Schillers Werke - und von dem von ihm beschriebenen "Verkauf der Landeskinder". Wie zu Schillers Zeiten seien damals die Gefangenen auch in den Westen verkauft worden. Dass sie nun im ihm gewidmeten Museum ihre von Leid und Schmerz, aber auch Humor und Spiritualität geprägten Arbeiten ausstellen könne, sei eine wunderbare Fügung, schmunzelt Stötzer.

"Jetzt ist die Zeit wieder da", sagt Stötzer. Sie habe sich bei den Vorbereitungen zur Ausstellung mit der Vergangenheit konfrontiert gefühlt. Das Leben machte sie zu einem "eingeschlossenen Kind". Nun, 24 Jahre nach dem Fall der Mauer, in der heutigen, von Kapitalismus und Freiheit geprägten Welt, ist ihr Leben wieder wie im Schaukasten von munter gefärbten Wänden eingeschlossen. Zu kugeligen Frauentorsen mit rauer Haptik geronnene Gedanken bieten sich auf kleinen Stelen den Besuchern dar, biegen sich ihm demonstrativ und offensiv entgegen.

Nackte Körper, gefroren in Bildern von Jugend, Schönheit und Nonkonformität, zeigen fortschreitende Verunklärungen: Junge, hohe Brüste werden mehr und mehr mit Farbe bedeckt; Stötzers Gesicht, damals in ihren frühen Zwanzigern fotografisch aufgenommen, zeigt nicht nur den gleichen, ungetrübten Blick aus den dunklen Augen, wie heute, sondern auch die Entfremdung mit Färbemitteln. Das prozesshafte Abgrenzen, das Verändern, die Verwandlung - aus dem Künstlerkörper heraus und wieder im Rückschwung zum ureigenen Selbst, der individuellen Quintessenz zurück - all dies wurde zum Werkzeug der jungen Frau, die einst von "Gruppe zu Gruppe gesprungen" sei, um politisch und freiheitlich arbeiten zu können. Neben den ganz greifbaren Arbeiten, den Webwerken beispielsweise, in denen unter anderem das männliche und weibliche Prinzip in einem handbetriebenen Kreisel um die Vorherrschaft im Kunstwerk wetteifern - wobei keines der genannten, auch im Rückgriff auf die vor allem männlich dominierte Stasi-Belegschaft - jemals wirklich zum Zuge kommen mag, entstanden auch Super-8-Filme und Fotografien, in denen nicht nur Leid und Tod, sondern auch die Verführung, das Aufbegehren und die Stadt Erfurt eine entscheidende Rolle spielen.

Und der Pakt mit dem Teufel? Der war niemals eine Überlegung wert für die von Politik und Menschen enttäuschte Stötzer. Sie setzte lieber auf Engelsfiguren. "Wenn man sich entschieden hat für die Kunst, kommen einem die göttlichen Kräfte auch zu Hilfe", glaubt sie. Und lässt ihre Blicke verheißungsvoll durch die Weimarer Ausstellung schweifen.