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23.05.2013

Engel von Limlingerode

von Frank Quilitzsch TLZ

Sarah Kirsch war in den letzten Jahren häufig in ihrer alten Heimat zu Gast: Vor sieben Jahren wurde die Dichterin in der Staatskanzlei mit dem Thüringer Verdienstorden geehrt. In Limlingerode erinnert eine "Dichterstätte" an ihr Leben und Werk. Foto: Peter Michaelis

Mit Sarah Kirsch starb eine große Dichterin, die auch mal in Thüringen zu Hause war

 

Limlingerode. Vielleicht läuten sie ja ihr zu Ehren die Glocken, im thüringischen Limlingerode. Zwar hat Sarah Kirsch, die damals noch Ingrid Hella Irmelinde Bernstein hieß, im dortigen Pfarrhaus nur die ersten drei Jahre ihres Lebens verbracht, doch selbst diese Zeit hinterließ Spuren in ihrem Werk. In einem poetischen Werk, das einzigartig dasteht in unserer Literaturlandschaft und für das die Dichterin neben vielen anderen Ehrungen 1996 den Georg-Büchner-Preis erhielt. Wie erst heute bekannt wurde, ist Sarah Kirsch am 5. Mai im Alter von 78 Jahren gestorben. In Tielenhemme, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, wo sie seit 1983 zurückgezogen in einem alten Schulhaus hinterm Deich als Schriftstellerin und Malerin lebte.

Limlingerode und Tielenhemme - zwei Ruhepunkte im so konflikthaften wie schaffensreichen Leben der Sarah Kirsch, die man als eine der wichtigsten deutschen Dichterinnen bezeichnen darf und als eine gesamtdeutsche schon zu ihrer DDR-Zeit. Mit ihren Naturgedichten, lyrischen Prosastücken und Essays, die in eigenwilliger Sprache verfasst sind, übte sie subtile Zivilisationskritik. Wegen ihrer kraftvollen poetischen Stimme ließ sich der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einmal zu einem wunderbaren Vergleich hinreißen - er nannte sie Annette von Droste-Hülshoffs (1797-1848) "jüngere Schwester". Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) würdigte sie gestern als eine Kämpferin für Demokratie und Menschenrechte, die mit ihrem poetisch trockenen Stil "auch über ihren Tod hinaus eine moderne Klassikerin der Literatur bleiben" werde.

Am 16. April 1935 in Limlingerode bei Nordhausen geboren, verbrachte Sarah Kirsch ihre Schulzeit in Halberstadt und studierte dann Biologie in Halle an der Saale. 1960 bis 1968 war sie mit dem Lyriker Rainer Kirsch verheiratet und veröffentlichte ihre ersten Gedichte mit ihm gemeinsam. Nach ihrer Scheidung zog sie nach Ost-Berlin, wo sie bis zu ihrer Ausreise im August 1977 lebte. 1973 wurde die schreibende Diplom-Biologin mit ihrem Prosabuch "Die Pantherfrau" und dem Gedichtband "Zaubersprüche", der wenig später auch im Westen erschien, bekannt. In einem der "Zaubersprüche" heißt es: "Streckt die Nacht die Finger aus / Findet sie mich in meinem Haus / Rauch schwimmt durch den leeren Raum / Wächst zu einem Baum / Der war vollbelaubt mit Worten / Worten, die alsbald verdorrten / Schiffchen schwimmen durch die Zweige / Die ich heut nicht mehr besteige".

Ausgeschlossen aus dem Schriftstellerverband

Sarah Kirsch, die neben ihren zahlreichen Lyrikbänden auch Künstlerbücher und eine Reihe poetischer Kinderbücher verfasste, ließ sich in den Vorstand des DDR-Schriftstellerverbands wählen, wurde jedoch 1977 als eine der Erstunterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns sowohl aus dem Verband als auch aus der SED ausgeschlossen. Noch im selben Jahr zog sie mit ihrem Sohn Moritz nach West-Berlin.

Auch als PEN-Mitglied der Bundesrepublik engagierte sich Sarah Kirsch politisch - vor allem gegen die im Kalten Krieg eskalierende Außenpolitik der Supermächte Sowjetunion und USA. Nach dem Mauerfall hat sie abgerechnet mit der Zeit ihrer Bespitzelung - 15 IM sollen in der DDR auf sie angesetzt gewesen sein -, lehnte aus diesem Grund eine Berufung an die Berliner Akademie der Künste ab und trat vier Jahre später, als Ost- und West-PEN vereinigt wurden, aus der Schriftstellervereinigung aus. Manche ihrer Kollegen aus dem Osten mieden sie bis zuletzt. In ihrem Thüringer Geburtsort Limlingerode aber war sie gern und häufig zu Gast - so auch 2006, als sie in der Erfurter Staatskanzlei mit dem Verdienstorden des Freistaates geehrt wurde.

Kann man sich einen besseren Gedenkort als jenes Pfarrhaus vorstellen, das von rührigen Vereinsleuten zur "Dichterstätte Sarah Kirsch" umgestaltet worden ist? "Die Chose da in Winzingerode, wie ich den Ort jahrzehntelang nannte, weil er so unerreichbar und Sperrgebiet war, also die dreitägige Eröffnung der sog. Dichterstätte gestaltete sich manierlicher, als ich gedacht hab", notierte die Verehrte ein wenig salopp in ihrem Band "Kommt der Schnee im Sturm geflogen". "Nach allem Brimborium war ich später erfreut über die Heimwendung der Pferdenase, wie in den alten japanischen Schriften der Rückweg einer mühsamen Reise genannt wird."

Ein gepflasterter Weg führt heute zur Begegnungsstätte im ehemaligen Pfarrhaus der knapp 300 Seelen zählenden Gemeinde hinauf. Rechts duckt sich die kleine Kirche, deren Turm so niedrig ist, dass die Glocken unter einem Holzverschlag auf der Wiese aufgehängt wurden. Bestimmt hatte Großvater Paul läuten lassen, als er die Enkelin im Mai 1935 taufte. Ein Barockengel schwebte damals über dem Kind. 1997 kehrte Sarah Kirsch erstmals in ihr Geburtshaus zurück, las in der überfüllten Kirche, und der Taufengel schwebte ihr zur Seite. 1998 kam sie erneut, und auf einem Spaziergang entlang der Sete, dem sich durch nahezu unberührte Landschaft bis zur ehemaligen Grenze schlängelnden Flüsschen, wurde die Idee zum "Grünen Juni"-Pfad geboren. Kinder haben dort Gelegenheit, wandernd Natur und Poesie in sich aufzunehmen, zum Beispiel das wunderbare Gedicht "Grüner Juni" von Sarah Kirsch.

Gedenk-Ort in Nordthüringen

Mit der über Leben und Werk der Dichterin informierenden Dauerausstellung im Pfarrhaus, mehr aber noch mit den jährlich Ende Juni vom Förderverein veranstalteten "Limlingeröder Diskursen" wird auch weiterhin das Andenken an die Verstorbene wach gehalten. Hier begegnen sich Autoren, Literaturwissenschaftler und Leser. Die "Limlingeröder Hefte" enthalten nicht nur Beiträge zum Werk Sarah Kirschs, sondern auch Lyrik und Prosa von Schriftstellerkollegen wie Ines Geipel, Wilhelm Bartsch oder Wulf Kirsten. "Sie haben soviel in Gang gesetzt, auch in meinem Koppe", lobte dazumal die Dichterin aus dem fernen Schleswig-Holstein die Vereinsfrauen, die sie liebevoll "meine Thüringerinnen" nannte. "Es ist ja wunderlich, wie alles zusammenkam! Dieser Taufengel scheint Segen zu stiften"..." Man sollte wirklich die Glocken läuten in Limlingerode.