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19.06.2007

Energiebeladene Unterhaltung

von Roland Barwinsky Ostthüringer Zeitung

Die 10. Literaturtage in Ranis gehen mit Besucherrekord und Livemusik zu Ende

Von Roland Barwinsky Ranis. Kurz bevor die Schlussglocken der 10. Literaturtage entgültig läuteten, klappte am Sonntagabend in Ranis alles ganz dufte: Die "Lütte" holte sich Peter "Cäsar" Gläser mit auf die kleine Open-Air-Bühne, um mit ihm gemeinsam zu singen.
Mit dieser Einlage ging ein Konzert zu Ende, welches durchweg auf der Suche nach den Tücken des Zusammenwachsens war. Oströhre Angelika Mann hatte sich für diesen steinigen Weg den Westpianisten Frank Golischewski mitgebracht. Ein Tatbestand, welcher für energiebeladene Unterhaltung sorgen sollte. Denn viele durch dieses schrille deutsch-deutsche Gemeinschaftsprojekt oft frivol und charmant vorgetragenen Chansons, Swingnummern, Kabarettpassagen und Wortspielereien zündeten von Beginn an.

Das nur auf den ersten Blick ungleiche Duo lief zu Höchstform auf, geizte dabei nie mit Witz sowie Show. Ganz nebenbei erklärte Frau Mann mit viel Herzblut und noch mehr Schnauze, was hierzulande noch zu reparieren wäre. So erfuhren die Gäste etwas von den Krisen in der Mitte eines maskulinen Lebens oder von Diäten, welche sowieso nichts einbringen.

"Lütte" mag einfach ihren derzeitigen Istzustand, auch die künstlerische Beziehung zu dem aus Bottrop stammenden Golischweski. Der schrieb übrigens viele der vorgetragenen Stücke selbst und oft genug drehten beide damit den Zeitstrahl zurück. Mit dem diskreten Charme der guten alten Zeit in den 1920er Jahren sowie später folgenden und fast verblichenen Kindheitserinnerungen trieb das Duo kontinuierlich von Pointe zu Pointe und überzeugte so auch die Anwesenden. In Erinnerungen schwelgte zuvor auch Peter Gläser. "Cäsar" zelebrierte einfach Gassenhauer, mit denen er vor Urzeiten in Leipzig aufwuchs. Und kämpfte sich danach lesend durch schwierige eigene Abschnitte. Seine Abschiedsballade "Besinnung" verdichtete seine Gedankenwelt brillant auf wenige Liedzeilen. Zeit zum Innehalten bot bereits die Lyrikstunde am späten Nachmittag auf der Burg. Dicht gedrängt verfolgte das Publikum, wie dabei jugendliche Neugier auf erfahrene Lebensentwürfe traf. Nancy Hünger aus Erfurt begann mit einem Text, der hier in Ranis entstand und landete wenig später unter der Hinzuziehung exakter Beobachtungsgabe in einem erfundenen Land. Ihr gelang es, wenige Verse mit viel fantasievollen Inhalt anzureichern. Nachwuchsautorin Uljana Wolf (Berlin) liebte die Reflektierung von Augenblicken in Schriftform. Wollmäuse sind da eher schick, Hunde eher gefährlich. Besonders in dem polnischen Dorf, wo sie sich zu Studienzwecken einige Zeit aufhielt. Trotzdem blieb gerade dort noch genügend Muse für die Kochanie übrig, was Liebe bedeutet.

Ein Leben mit rabiaten Brüchen spiegelte sich in den Texten von Werner Söllner. Anfangs nahm er alle mit in das für ihn bedeutungsschwere Jahr 1982. Genau vor 25 Jahren verließ er die Stadt Arad im rumänischen Banat und fuhr ins gelobte Land. In Franfurt am Main betrat der Weitgereiste ohne Rückfahrkarte das dortige Bahnhofsviertel und wurde abrupt von einer völlig fremden Welt überrannt.

Durchgängig drehte sich bei ihm fast alles um Abschied und Ankunft, Ost-West-Melancholie oder seltsamen Vernissagen. Söllner liebte zudem, wie von ihm gewohnt, den gedanklichen Tiefgang. Besonders erkennbar wurde dies bei den Sätzen, welche er Franz Hodjak widmete. Einem ebenfalls aus diesem Balkanstaat stammenden Kollegen und wertvollen Freund. Ihm blieb es auch vorbehalten, die angestammten und unter freiem Himmel musizierenden "Deutschländer" daran zu erinnern, dass am Sonntag auch der 17. Juni war. Ein Datum, mit zweifelsfrei historischen Dimensionen. Ein Grund, wo man nach seiner Meinung heutzutage landesweit aufatmen sollte.

Martin Straub, Geschäftsführer des Vereins Lese-Zeichen aus Jena, freute sich nicht nur darüber, sondern auch über die ausgesprochene gute Resonanz der diesjährigen Literaturtage. 1400 Besucher kamen am vergangenen Wochenende hierher.

Gleichzeitig hofft er darauf, dass der Leseburg in Ranis auch in Zukunft die Gäste treu bleiben.