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25.11.2006

Eisbär aus Apolda? Rathenow als Kinderbuchautor

von Frank Quilitzsch TLZ

"Wissen Sie, was ich mir soeben gekauft habe?" Seine Hand fährt in die Umhängetasche und zieht ein Bilderbuch hervor: "Die Menschenfresserin" von Valérie Dayre, illustriert von Wolf Erlbruch. Auf dem Cover sieht man eine böse Dame auf der Jagd nach einem schmackhaften Jungen. Am Ende wird sie ihren eigenen Knaben fangen, den sie ganz vergessen hatte. Das ist ziemlich makaber, aber ist das Kinderliteratur? Lutz Rathenow streicht sich über den Bart und lächelt verschmitzt. "Ich weiß nicht, für welche Zielgruppe dieses Buch bestimmt ist. Aber eines weiß ich bestimmt: Kindern wird es gefallen."

Kinder mögen nichts Kindliches

Der Schriftsteller Lutz Rathenow entdeckt zurzeit die Leserwelt anhand von Kinderbüchern neu. Dabei dienen ihm die eigenen als Kompass. Mit Schwung befördert er den Anfang des Jahres erschienenen "Eisbär aus Apolda" auf den Tisch, mit hintergründig-lustigen Illustrationen von Egbert Herfurth. Herfurth hat schon seinerzeit Franz Fühmanns DDR-Kinderbuchklassiker "Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm zu Babel" illustriert - seine Art zu zeichnen, komme immer noch gut an, freut sich Rathenow.

Aber sie unterscheidet sich deutlich von der comicartigen Technik des vor zwei Jahren aus Köln nach Erfurt gewechselten Frank Ruprecht. Dritter Griff in die Requisitentasche, und ein blitzneues Rathenow-Kinderbuch landet auf dem Tisch: "Tag der Wunder". Das Cover zeigt einen ungelenken Ritter in steifer Rüstung auf einem Steckenpferd. "Das Buch ist eigentlich noch gar nicht da", erklärt Lutz Rathenow. "Das kommt erst im Januar." Doch wenn er nächsten Donnerstag in der Erfurter Buchhandlung Peterknecht seine Lesung abhält, wird er ein paar Vorab-Exemplare davon hervorzaubern.

"Tag der Wunder" handelt von einem lustlosen Drachen, einem ängstlichen Riesen und einem traurigen Indianer, die von dem Mädchen Alice erlöst werden. Die zum Teil doppelseitigen Illustrationen erinnern an die Fabelwelt eines Michael Ende. Welcher Illustrator ist bei den Kindern beliebter - Ruprecht oder Herfurth? Salomonisches Lächeln: "Die unterschiedliche Ästhetik ist nicht das Problem." Sondern? "Ein Bilderbuch darf keinesfalls kindlich aussehen. Kindliches mögen Kinder nicht."

Natürlich, Kinder wollen ernst genommen werden, und sie "individualisieren" sich heute viel früher, wie Rathenow bei seinen Lesungen in Schulen bemerkt. Man sollte Kinderbücher prinzipiell anders verpacken, meint er, und es dürfe niemals "Kinderbuch" auf dem Einband stehen. Dass er selbst als Kinderbuch-Autor gefragt ist, freut den Verfasser von Erzählbänden wie "Sisyphos" oder "Fortsetzung folgt" und des Jubiläums-Gedichtbands "Die Fünfzig", doch es verwundert ihn auch: "Wissen Sie eigentlich, dass mich die Stasi zum Kinderbuchschreiber stempeln wollte?" Das sei um 1987/88 herum gewesen, zwischen seiner Verhaftung und dem "organisierten Nichtstun", als man dem "Staatsfeind" Rathenow die Ausreise antrug, der jedoch dankend ablehnte. "Wahrscheinlich glaubten sie, wenn ich für Kinder schriebe, könnte ich weniger Schaden anrichten", mutmaßt Rathenow heute.

Doch bald darauf zeigte sich, wie "subversiv" Kindergeschichten zu jener Zeit sein konnten. Rathenows Parabel von den beiden Stinktieren, die um die Wette stinken und nicht mehr aufhören können, weil sich jedes dem anderen stinküberlegen fühlt, war als Klappbilderbuch gedacht und wurde in der DDR abgelehnt. Begründung: Der Autor vertrete darin die Konvergenztheorie, würde die beiden (stinkenden?) Weltsysteme gleichsetzen und die "Überlegenheit des Sozialismus" negieren. "An derartiges", so Rathenow, "hatte ich nun wirklich nicht gedacht."

Klebestreifen für die Selbstzensur

Der heitere Text hat nun Eingang in den tierisch schönen Band vom Eisbären aus Apolda gefunden. Auch die Geschichten vom Thüringer Kartoffelkäfer, der auf die Fidschi-Inseln auswandern will, oder von den sieben Geißlein, die den Wolf erschlagen, kommen in Ost wie West gleichermaßen gut an. In Erfurt wird der Autor daraus ein paar Kostproben lesen. Im Mittelpunkt aber steht der Bild-Text-Band "Gewendet. Vor und nach dem Mauerfall" mit Fotos von Harald Hauswald. Für die zweite Auflage hält Textautor Lutz Rathenow, der sich über die vom Verlag gewählten und von einigen Kritikern monierten Bildunterzeilen ärgert, einen Neuerervorschlag bereit: "Wir bringen den Band als erstes Buch mit eingebauter Selbstzensur heraus, indem wir Klebestreifen und -vierecke mitliefern. Der Leser kann nach Belieben überkleben, was ihm nicht passt."

Lesung: Donnerstag, 30. November, 19.30 Uhr, Buchhandlung Peterknecht in Erfurt