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06.05.2004

Eine Lust, die niemals endet

von Kai Agthe Freies Wort

"Zungenküsse & Einkaufszettel" ?Thüringer Autoren erzählen, wie sie zum Lesen angeregt wurden

Was der einzelne Leser der Lektüre verdanken kann, hat schon der Romantiker Joseph von Eichendorff treffend formuliert: " Wir alle sind, was wir gelesen " .

Jeder, den Bücher durchs Leben begleiten, weiß daher von einem zentralen Lese-Eriebnis zu berichten. Die erste Bekanntschaft mit einem Buch kann durchaus die einprägendste und nadlhaltigste sein; andererseits muss die Liebe zu Büchern nicht zwangsläufig mit dem Einsetzen der Lesefähigkeit in eins fallen.
In dem vom Thüringer Kultusministerium angeregten und vom Lese-Zeichen e.V. (Jena) so wie der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. (Weimar) realisierten Band "Zungenküsse & Elnkaufszettel? berichten 56 Autorinnen und Autoren aus dem Freistaat über ihr erstes Lese-Erlebnis. Die Spanne ist recht breit, reicht von dem ersten als ABC-Schütze selbst gelesenen Kinderbuch bis hin zu Erfahrungen aus späteren Jahre, die das eigene Schreiben beeinflussten.

Alltag und Poesie

Elisabeth Drommer und Peter Drescher mögen sich zwar nicht persönlich kennen, ihre erste Lektüre jedoch verbindet beide, da für die Autorin aus Altenburg und den Autor aus Tiefenort ein Kinderbuch von Hertha Voge-Voll das Tor zur Literatur aufstieß. Thomas Spaniel (Nordhausen) dagegen war bereits 26 Jahre, als ihm die hermetische Lyrik von Günter Eich zum Transmissionsriemen für die eigenen Gedichte wurde.
Das erste Lektüre-Erlebnis ist nicht immer mit dem selbständigen Lesen eines Buches verbunden. Für den Lyriker Reiner Kunze war es seine unermüdlich Volkslieder anstimmende Mutter, die ihm eine Ahnung vermittelte, dass neben der tristen Welt eines entbehrungsreichen Alltags eine bunte Gegenwelt der Poesie existierte. Das Entziffern des ihm in die Hand gedrückten Einkaufszettels, so erinnert sich Hubert Schirneck, regte seine kindliche Phantasie an. York Sauerbier (Weimar) spürt noch heute das unbändige Gefühl des Stolzes, als es ihm im Personenzug gelang, den Hinweis "Plaste und Elaste aus Schkopau" zu lesen. Dass er die Bedeutung dieses Satzes, der ihm so exotisch anmutete wie ein (Merseburger) Zauberspruch, nicht entschlüsseln konnte, war zweitrangig. Frank Quilitzsch (Weimar) erstes Lese-Erlebnis waren Poesie-Alben, die während seiner Schulzelt inflationär in den Klassenzimmern kursierten, vom Autor inzwischen aber auf die rote Liste der Dinge gesetzt werden mussten, die ?wir einmal vermissen werden?.
Wolfgang Held (Weimar) dessen Drehbuch zum Streifen ?Einer trage des anderen Last?
mit zum Besten gehört, was die Defa in den achtziger Jahren filmisch umsetzte - bekennt, auch in seinem 74. Lebensjahr keine drei Tage ohne Lektüre auskommen zu können. Das Ende eines Buches bedeutet nicht das Ende des Lesens, weil die Lektüre-Lust niemals erkaltet. Oder mit den Worten von Wolfgang Haak (Weimar): " Und wenn ich nicht gestorben bin, dann lese ich noch immer" .

?Zungenküsse & Einkaufszettel?, Thüringer Autorinnen und Autoren erzählen ihr erstes Leseerlebnis. Hrsg. v. Lese-Zeichen e. V., Büro zur Autoren- und Leseförderung, und der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V., Erfurt, Weimar, Jena 2003. 172 S., 7 Euro