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20.09.2006

Eine Landschaft wie ein großes Nest für Poesie

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Heute, 18 Uhr, beginnt im Atrium des Musikgymnasiums Schloss Belvedere die V. Mitteldeutsche Lyriknacht. Eingeladen sind sechs Dichter aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Den Besucher der vom Kulturamt Weimar und von Belvederer Gymnasiasten vorbereiteten, etwa dreistündigen Veranstaltung erwarten neben lyrischen auch musikalische Genüsse. Wir sprachen darüber mit der Schriftstellerin und Weimar-Preisträgerin Gisela Kraft, die wie schon in den vergangenen Jahren den Abend moderiert.

Frau Kraft, Scheherazade hat tausend und eine Nacht lang um ihr Leben erzählt. Was passiert in der Mitteldeutschen Lyriknacht?

Da geht´s auch ums Leben, seine Freuden und Nöte. Aber es wird nicht erzählt, sondern gesungen und gedichtet.

Eine Art Belvederer Sängerkrieg?

Nein, kein Krieg. Auch kein Wettbewerb. Die Dichter und Gedichte ergänzen einander.

Wie muss man sich das vorstellen?

Man geht hin, sucht sich einen Platz mit Sitzkissen auf den Stufen in dem wunderbaren Amphitheater des Musikgymnasiums und stellt die Ohren auf Poesie. Zwischen den Lesungen musizieren die Schüler. Es gibt eine Pause, in der man etwas trinken und sich stärken kann.

Was heißt mitteldeutsch?

Eine Landschaft wie ein großes Nest für Poesie. Die sächsische Dichterschule ist ja bekannt. Aber auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt gedeihen Dichtergenerationen. Dieter Mucke aus Halle ist mit 70 Jahren der Älteste, Uljana Wolf, die als Schülerin in Jena einen Schreibwettbewerb gewonnen hat, ist mit 27 die Jüngste in der Runde.

Wer vertritt die sächsische Dichterschule?

Thomas Rosenlöcher aus dem Umland von Dresden. Dazu kommt Lutz Seiler, der zurzeit in der Peter-Huchel-Gedenkstätte Wilhelmshorst und als Gastprofessor am Literaturinstitut in Leipzig tätig ist. Spätestens jetzt muss man aber auch den Nachwuchs aus Thüringen nennen: Marius Koity und Dirk Rose.

Was waren die Auswahlkriterien?

Herkunft und poetische Qualität. Aber es geht uns nicht nur um Prominente, die sogenannten Schönen und Reichen ...

Wo gibt´s denn hier reiche Dichter?

Naja, ein paar gibt es schon. Wir wollen aber auch weniger bekannte Poeten zu Wort kommen lassen, die in ihrer Region durch Qualität und Originalität überzeugen.

Und wenn ein Unbekannter im Publikum aufsteht und unbedingt ein eigenes Werk vortragen will?

Die Dichter haben ein bisschen schulische Disziplin einzuhalten. Der Abend wurde mit den Schülern intensiv vorbereitet, die sich überlegt haben, welche Musik zu welchen Texten passt. Insofern ist nicht viel Raum für Spontanes. Aber es wird wieder eine Schülerin des Gymnasiums ein Gedicht vorlesen.

Gisela Kraft ist doch auch eine schöne, wenngleich nicht reiche Dichterin Mitteldeutschlands. Wird es ihr gelingen, als Moderatorin ihre poetische Stimme zu unterdrücken?

Das habe ich ja schon öfter bewiesen, dass ich nicht immer nur meine Sachen lesen muss. Ich werde aber meinen Geschmack walten lassen, der auch die Auswahl mit geprägt hat. Außerdem werde ich noch einem toten Dichter meine Stimme leihen, das tue ich immer, damit es am Ende sieben sind. Diesmal habe ich einen französischen Dichter ausgewählt, der einmal im KZ Buchenwald gewesen ist und Mitteldeutschland von dieser Seite kennen gelernt hat. Das ist mir aufgrund von Ereignissen der jüngsten Weimarer Vergangenheit sehr wichtig.