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12.04.2008

Eine Begegnung mit einem früheren Ich

von Anke Scheller Ostthüringer Zeitung

Eine Begegnung mit einem früheren Ich
Angela Krauß und Lutz Seiler über ihr literarisches Debüt

Das erste gedruckte Werk, der Ritterschlag zum Schriftsteller. Erst mit dem, in-den-Händen-halten des literarischen Debüts wird man in den Stand der Literaten erhoben. Wie fühlt man sich, wenn man nach vielen Jahren diesen Erstling wieder in die Hand nimmt und das geschriebene liest? Eben diese Frage stellte der Publizist und Essayist Renatus Deckert vielen Autoren der Gegenwartsliteratur. 92 von ihnen haben diese Frage in Form von einem Text beantwortet und zwei von diesen waren am Donnerstagabend auf der Burg Ranis.
Angela Krauß hat sich sofort wieder erkannt, die Ambitionen und Ansprüche von heute an ihre Literatur waren schon damals vorhanden, wenn auch noch in einem anderen Stadium. Auch in diesem Roman kommt schon das bildnerische Element, welches der studierten Designerin eigen ist zum Tragen. Die Wiederbegegnung mit den eigenen Worten sei ein wieder begegnen mit einem frühren Selbst. Der Blick darauf im ersten Moment fremd, aber doch vertraut.
Sie habe sich mit dem Roman ein Stück Erinnerung erhalten, welche ihr sonst verloren gegangen wären. In ihrem Debütroman ?Das Vergnügen? (1984) schreibt sie nicht im Sinne eines Sozialistischen Realismus, vielmehr geht es ihr dabei um die Menschen um deren Zerbrechlichkeit im Vergleich zu den grauen, die Landschaft dominierenden Fabrikgebäuden. Das Leben der Menschen in einer Brikettfabrik.
Im Gegensatz zu anderen Kollegen fühle sie sich keineswegs beschämt oder peinlich berührt bei der Lektüre ihres Debütromans.
Auch Lutz Seiler der zweite Autor des Abends, hatte wenig Probleme damit, seinen ersten veröffentlichten Gedichtband zur Hand zu nehmen.
Der 2007 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnete Lyriker und Essayist erzählt in seinem Beitrag zur Anthologie über den Weg wie er zu seiner Veröffentlichung kam. Dem ambitionierten Streben einer jungen Lektorin ist es zu verdanken, dass 1995 Seilers Gedichtband berührt/geführt erscheint. Der ?Erstling? als ein ?Projekt? im Oberbaumverlag, angetrieben vom unermüdlichen Druck der damaligen Nachwuchslektorin wird dieses Projekt umgesetzt. Der Moment, welcher für Seiler zählt, war der des in der Handhaltens des ersten eigenen Buches. Lediglich die früher abgegebenen ausschweifenden Erklärungen für die losgelösten Titel seiner Gedichte scheinen ihm heute etwas überzogen.
Der erste Abend in den Neuen Räumen des Lese-Zeichen e.V. startete mit dem ?ersten Buch?, beide Autoren präsentierten sich an diesem Abend nicht nur als Autoren, sondern gaben den Gästen die Möglichkeit eine persönliche, intime Seite kennen zulernen. Das Gespräch, moderiert vom Herausgeber Renatus Deckert, gab dem Abend, nicht zuletzt durch die offene Art von Angela Krauß, eine ganz besondere Note.

Renatus Deckert(Hrsg.): ?Das erste Buch? ? Schriftsteller über ihr literarisches Debüt. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007