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05.11.2007

Eindringliche Mahnung

von dpa TLZ

Weimar. (dpa/tlz) Der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze ("Neue Leben ) hat vor einem zunehmenden Rückzug des Staates und einem zu starken Einfluss der Wirtschaft auf den Kulturbetrieb gewarnt. Der 44-Jährige erhielt am Sonntag in Weimar den mit 6000 Euro dotierten Thüringer Literaturpreis.
"Die Tendenz zur Refeudalisierung des Kulturbetriebes geht einher mit einer allgemeinen Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche, des Gesundheitswesens, der Bildung, des Sports, des Verkehrssystems, der Wohnungswirtschaft, der Energiewirtschaft bis dahin, dass private Firmen Polizeiaufgaben übernehmen , sagte Schulze in seiner Dankesrede. "Ich fürchte, dass es nur noch ein kleiner Schritt sein wird, bis auch im Auftrag Deutschlands private Militärfirmen zum Einsatz kommen.

Schulze betonte, er habe den von E.ON gestifteten Preis gern angenommen, aber dabei auch "einen Zwiespalt empfunden. "Ich fragte mich, warum das Land Thüringen in seinem Kulturhaushalt nicht monatlich 250 Euro beiseite legt, um dann alle zwei Jahre einen Literaturpreis zu vergeben , meinte er. Er finde es zwar "begrüßenswert, dass ein Unternehmen sich bereit findet, Geld für lebende Schriftsteller auszugeben . Das geschehe viel zu selten. "Was mich als Bürger dieses Landes, der seit 1990 noch keine Wahl versäumt hat, irritiert, ist eine Entwicklung in allen Bereichen unserer Gesellschaft, die uns zunehmend auf solche verantwortungsvollen Chefs angewiesen sein lässt.

Verantwortlich für die Entwicklung seien die Bürger selbst. "Denn wenn wir in einer Demokratie leben, ist es an uns, jene Volksvertreter zu wählen, die Gesetze zum Wohl des Gemeinwesens beschließen , sagte Schulze. Er verstehe, dass ein Kultusminister froh sei über jeden Cent, den er nicht aus seinem Haushalt nehmen müsse, sondern akquirieren könne. "Das war aber nicht immer so und scheint mir auch keine Notwendigkeit zu sein in einem Land, dessen Bruttosozialprodukt mit jedem Jahr steigt. Mich stört, dass wir dabei sind, das aufzugeben, was in einem langen Prozess erkämpft worden ist, nämlich dass der demokratische Staat seine Verantwortung wahrnimmt, nicht nur für die Künste.