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17.03.2008

Ein Zuhause für Dornröschen

von Heinz Stade Thüringer Allgemeine

Als die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten Burg Ranis vor über einem Jahrzehnt übernahm, drohten Teile davon auf die Stadt im Tal abzustürzen. Nun ist aus dem ehemals "hohlen Vogel" ein vielseitig nutzbares Gebäude geworden.

RANIS. Wer am vergangenen Wochenende die Eröffnung des Südflügels miterlebte, kam aus dem Staunen kaum heraus. Auch Andreas von Stechow, Botschafter in der Schweiz, ist es so ergangen. Er wurde 1943 in Ranis geboren und lebte bis kurz vorm Eintreffen der sowjetischen Besatzer auf der Burg. Die Familie - seine Mutter war in erster Ehe eine Frau von Breitenbuch - ist Nachfahre jener Burgbesitzer, welche die wehrhafte Veste des Mittelalters einst zum wohnlichen Bergschloss ausgebaut hatten. Als Andreas von Stechow 1998 hier mit seiner japanischen Frau Junko Hochzeit feierte, war es um die Burganlage noch immer schlimm bestellt. Ganz besonders um das sichtbare Zeichen der Umwandlung von der Wehranlage zum Wohnschloss, den Südflügel. Mit einem begeisterten "phantastisch" kommentierte der Diplomat dieser Zeitung gegenüber am Wochenende, was seit seinem letzten Aufenthalt hier geschehen ist. Vor vier Jahren hat man mit der Sanierung des Südflügels begonnen. Neben dringend notwendigen statischen Ertüchtigungen und Schwammsanierungen musste vor allem auch der Brandschutz gewährleistet werden. Außerdem wurde ein zentrales Treppenhaus mit Aufzug eingebaut. Haustechnik und sanitäre Anlagen wurden zeitgemäß hergerichtet. Hinter den weithin sichtbaren, in historisch verbürgten hellen Kalkweiß strahlenden Fassaden befinden sich attraktive Vortrags- und Seminarräume, zwei Säle sowie Büro- und Nebenräume.

Insgesamt 3,4 Millionen Euro - davon die Hälfte aus Brüssel - wurden eingesetzt, um aus dem noch 1998 "hohlen Vogel" ein vielseitig nutzbares Gebäude zu machen. Der in Jena ansässige Verein Lese-Zeichen, dem der Südflügel offiziell zur Nutzung übergeben wurde, hatte die Burg für sich vor elf Jahren entdeckt. Zusammen mit der Stadt Ranis, der GGP Media in Pößneck, weiteren Förderern und der Schlösserstiftung hat es der nur 47 Mitglieder zählende Verein geschafft, die lange weithin unbekannte Anlage inzwischen als "Literaturburg" zu etablieren. Unter den nun vorzüglichen äußeren Bedingungen soll sich die Burg zu einem Forum für Kunst und Literatur der überwiegend ländlich geprägten Region um Ranis herum profilieren. Lange hatte es den Anschein, als schliefe die nahe der Saale gelegene Burganlage einen tiefen Dornröschenschlaf. Man weiß zwar, dass die im Jahre 1990 noch unter der Leitung der Stadt Ranis begonnene Sanierung bis zum Jahr 2003 über drei Millionen Euro verschlungen hat. Vielen stellte sich jedoch die Frage, wofür. Doch wie so oft bei derartigen Großprojekten war auch hier von den Investitionen nicht viel zu sehen. Denn das meiste Geld wurde für Bereiche, wie beispielsweise das Dach, eingesetzt, die Besuchern oft verborgen bleiben. So wurden derartige Veränderungen auch nicht wahrgenommen, auch wenn tatsächlich viel geschafft wurde. Schon vor vielen Jahren hatte sich der Schwamm in dem alten Gemäuer ausgebreitet, mit schlimmen Folgen. Zwar gab es bereits zu DDR-Zeiten erste Sanierungsversuche. Doch sie schlugen fehl. In den vergangenen Jahren wurden schließlich Dachtragewerke und Dächer saniert, Umfassungsmauern instandgesetzt, die Ver- und Entsorgungsleitungen im Burghof sowie die Heizzentrale im Süd- und Westflügel erneuert. Auch der als Palas bezeichnete, seit Jahrzehnten verschlossene Teil des Nordflügels, wurde saniert und erfährt eine vielfältige Nutzung. Dornröschen würde sich heute auf der auch Märchen pflegenden Literaturburg wohlfühlen.

Burg Ranis liegt auf einem Bergsporn am Südrand des Thüringer Beckens. Die rund 240 Meter lange und maximal 50 Meter breite Gesamtanlage besteht aus der inneren Kernburg, der hochmittelalterlichen Vorburg, der spätmittelalterlichen äußeren, östlichen Vorburg und dem östlichen Vorgelände. Die innere Kernburg wird von der hochmittelalterlichen Vorburg durch einen runden Bergfried abgeschlossen. Im Westen ragt ein schlanker Turm, der sogenannte Hungerturm heraus. Mit den Bauarbeiten einhergehende archäologische Grabungen förderten Funde zutage, die auf eine erste Befestigung an diesem Ort bereits im 9. Jahrhundert schließen lassen. Urkundlich wurde Burg Ranis erstmals 1085 als fränkische Veste erwähnt.