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11.05.2009

Ein Verleger im Kampf gegen die Depression

von Kai Agthe TLZ

Jena. (tlz) Er war der Peter Suhrkamp des frühen 20. Jahrhunderts: Eugen Diederichs. Als Verleger war der 1867 geborene und 1930 gestorbene Diederichs eine singuläre Erscheinung. Kaum ein Literaturvermittler hat so viel Fantasie und Kühnheit besessen wie er, durch dessen Wirken die Stadt Jena nach 1900 einer der wichtigsten Verlagsstandorte war. Diederichs hatte weder das Abitur abgelegt noch ein Studium absolviert. Dafür hat er das Buchgeschäft von der Pike auf erlernt, beginnend als Gehilfe in einer halleschen Buchhandlung. Das kam seiner in frühester Jugend entwickelten Neigung entgegen. Schon am Domgymnasium in Naumburg wurde seine "Lesewut" gerügt.
Auf einer Reise, die ihn 1896/97 durch Italien führte, gründete er in Florenz einen Verlag, dessen erster Sitz Leipzig, ab 1904 aber das beschauliche Jena war. Von da ab lesen sich die Verlagsprogramme wie ein Who-is-Who des europäischen Geisteslebens. Er verlegte mehrere Autoren, die Nobelpreisträger waren oder, das spricht für Diederichs" Gespür, später wurden. Der hartnäckigste Widersacher für den Verleger, der sich Donatellos Löwen zum Symbol gewählt hatte, war nicht die Konkurrenz, sondern sein familiäres Erbteil: Depressionen, die ihn zyklisch ereilten und mehr oder minder handlungsunfähig machten. Sein älterer Bruder Alexander, ein in Berlin tätiger Forstwissenschaftler, erschoss sich 1898 deshalb; und Diederichs´ Mutter wiederum nahm sich 1902 in der Nervenheilanstalt im thüringischen Tannenfeld das Leben. Der Verleger sprach von seiner Krankheit selbst wie von einem unliebsamen, aber dringend zu erledigenden Geschäftsvorgang: "Sie müssen entschuldigen, ich habe zur Zeit meine Depressionen. In vierzehn Tagen hoffe ich damit fertig zu sein."

Ein Warenhaus der Weltanschauungen

All diese Aspekte aus dem äußerlich wie innerlich spannungsreichen Leben Diederichs´ beschreibt die Jenaer Ursula Martin in ihrem Roman "Der Verleger". Einmal begonnen, legt man dieses faszinierende Buch nicht mehr aus der Hand. Die Geschichte ist streng an den biographischen und historischen Fakten gearbeitet und freizügig - aber nicht minder überzeugend - im Detail. Es ist beeindruckend, wie die Autorin die innere Verfasstheit Diederichs´, sein Verhältnis zu seiner ersten Frau Helene Voigt und zu seiner zweiten Gattin Lulu von Strauß und Torney sowie seine Autorenpflege, sein Engagement im Jenaer Kunst- und Kulturbetrieb und im freistudentischen Sera-Kreis zu beschreiben weiß.

Auch der leidenschaftliche Verleger, der oft und gern in Buchreihen dachte, kommt in dieser rundum gelungenen Roman-Biographie nicht zu kurz. Eugen Diederichs konnte, was sein großer Wunsch war, nicht die Werke seines Naumburger Landmanns Friedrich Nietzsche verlegen, also begründete er eine Reihe unter dem Titel "Bücher, die Nietzsche geliebt hat". Ferner hatte er große Editionen zu den Religionen und Philosophien der Welt im Programm. Neider sprachen deshalb, so ist bei Ursula Martin zu lesen, nicht von einem Verlag, sondern von einem "Warenhaus der Weltanschauungen". Das Werk und Wesen Diederichs´ kann in einem Satz resümiert werden, den die Autorin den Philosophen Arthur Drews denken lässt: "Was für ein widersprüchlicher Mensch, dachte Drews, dieser Ganzheitssucher Diederichs."

Sein Credo benennt Diederichs im Roman gegenüber einem anderen Autor seines Verlags. Bei einem Spaziergang an der Elbe bei Schandau bekennt er gegenüber dem späteren ersten Präsidenten der tschechischen Republik, Tomas Masaryk: "Sie können mir glauben, fuhr er fort, als Verleger ist man ein ewiger Dilettant, und das entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Die erste Eigenschaft in dem Beruf ist sicher die Fähigkeit zur Einfühlung, gepaart mit Instinktsicherheit. Zweitens bedarf es einer gewissen Kombinationsgabe, um verschiedene geistige Bezirke miteinander zu verbinden. Und drittens braucht es Wagemut, denn es heißt auf die richtige Karte zu setzen. Das Entscheidende aber ist Ausdauer und Konsequenz."

Ursula Martin hat dem Verleger ein literarisches Denkmal gesetzt. Wer sich für Jenaer Kulturgeschichte interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen!

i Ursula Martin: Der Verleger. Ein Roman über Eugen Diederichs. quartus-Verlag, Bucha bei Jena, 262 Seiten, 12.90 Euro