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11.06.2013

Ein Solo mit Jutta Voigt

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Journalistin lieferte Stoff für erfolgreichen Kultfilm „Solo Sunny“ / In Neustadt stellt sie am 12. Juni ihr neues Buch „Spätvorstellung“ vor

Neustadt (OTZ). Ohne Jutta Voigt wäre der erfolgreiche DEFA-Spielfilm „Solo Sunny“ wohl nie entstanden. Ein Interview, das die gebürtige Ost-Berliner Journalistin 1976 mit der Nachtclubsängerin Sanije Torka geführt hatte, das aber nie veröffentlicht worden war, nahm Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase als Anregung für den gleichnamigen TV-Klassiker. Regisseur war Konrad Wolf, der wohl bedeutendste Vertreter seiner Branche in der DDR. Die bekannte Titelmusik komponierte Günther Fischer.

Die „Sunny“, die im realen Leben Sanije Torka hieß, verkörperte Renate Krößner. Für ihr filmisches Hauptwerk rund um eine Außenseiterin im Künstlermilieu erhielt die Darstellerin zwei Jahre nach der Premiere (1980) auf der Berlinale den „Silbernen Bären“. „Ohne den Erfolg bei der Berlinale wäre Konrad Wolfs Film „Solo Sunny“ 1982 wohl ganz schnell wieder aus den Kinos der DDR verschwunden. Das eigentlich Erstaunliche aber war: Der im Politbüro bestgelittene Filmregisseur des Landes schien plötzlich subversiv“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) im März 2010 im Rahmen ihrer Serie „Momente des deutschen Films“. Weil der Film jedoch als ein „Erfolgsnachweis sozialistischer Kinopolitik auf den Leinwänden der DDR“ galt, wurde er laut „FAZ“ zu einem „Kultfilm, wie es seit Heiner Carows „Legende von Paul und Paula“ (1973) keinen mehr gegeben hatte und bis 1989 auch keinen mehr geben sollte.“

Für Jutta Voigt, die im Vorspann des Films als Beraterin genannt und damit auch gewürdigt wird, sollte sich in ihrem beruflichen Werdegang nichts ändern. Die Frau, die zunächst an der Humboldt-Universität Berlin Philosophie studiert hat, arbeitete von 1966 bis 1990 als Redakteurin und Filmkritikerin bei der Wochenzeitung „Sonntag". Nach 1990 war sie als Redakteurin, Essayistin und Kolumnistin für Zeitungen wie „Freitag", „Wochenpost", „Die Woche“ und „Die Zeit“ tätig. 1989 erschien ihr erstes Buch, das sie zusammen mit Fritz-Jochen Kopka verfasste: „Linker Charme. 10 Reportagen vom Kollwitzplatz". Weitere Bücher waren 2005 „Wahlbekanntschaften", eine Sammlung von Kolumnen über Begegnungen in Cafés, „Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR" (2005) sowie „Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht" ( 2009).
Ihr im vergangenen Jahr veröffentlichtes Buch „Spätvorstellung - Alter schützt vor Jugend nicht“ stellt die Feuilletonistin am 12. Juni ab 19.30 Uhr im Rahmen der 16. Thüringer Literatur- und Autorentage in der Stadtbibliothek in Neustadt an der Orla vor.
„Ein starkes Buch und so schön offensiv. Das ist der Humor, den man zum Weiteraltern braucht“, urteilte der bekannte Kabarettist und Schauspieler Dieter Hildebrandt. Die Autorin erzählt darin von der tröstlichen und schmerzhaften Identifikation mit der Jugend, die den Bogen des Lebens bis zum Zerreißen spannt. Es ist die Spätvorstellung einer Generation, der die ewige Jugend zur Pflicht geworden ist.