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12.07.2010

Ein Paulus-Wort wurde zu seiner Lebensmaxime

von Martin Straub TLZ

Schöpft aus dem Reichtum seiner Lebenserfahrung: Der Weimarer Autor Wolfgang Held wird 80. Foto: Peter Michaelis

Am heutigen Montag vollendet der Weimarer Schriftsteller Wolfgang Held sein 80. Lebensjahr.


"... einer trage des anderen Last", dieses Gebot des Apostels Paulus ist nicht allein der Titel zu einem preisgekrönten Film Wolfgang Helds, sondern wohl auch sein Lebensmotiv. Als der Film 1988 in der DDR in die Kinos kam, und sich die Partei- und Staatsführung zur Premiere einstellte, wusste die Öffentlichkeit nicht, dass das Drehbuch bereits 1974 vorlag und abgeschmettert wurde. Denn dies ging den Genossen entschieden zu weit, dass ein Genosse einen autobiographischen Stoff aus den frühen 50er Jahren vorlegte, der für Toleranz zwischen Marxisten und Christen warb.

Helds Szenario um den Volkspolizisten Josef Heiliger und den Vikar Hubertus Koschenz spielt in der abgelegenen Welt eines Lungensanatoriums. Nur hier, so der Realist Held, ist solch ein Miteinander lebbar. Held hatte schon früh die Schrift des Eisenacher Pfarrers Emil Fuchs "Der Marxismus im Lichte des Evangeliums" gelesen. Und sichtlich sah er in der Konsequenz Christentum und Marxismus nicht als einander hemmende Blöcke, sondern er strebte einen fruchtbringenden Dialog an.

Noch 1988 wurde der Film als "konterrevolutionäres Machwerk" verdammt. Diese frühe Ablehnung, so ist zu vermuten, hat Held viele Illusionen genommen. In seiner jüngsten Veröffentlichung schreibt er darüber. Sie trägt den Titel "Last und liebes Kummerfeld. Das Buch zur Geschichte des unvergessenen Spielfilms ,Einer trage des anderen Last' sowie der nicht veröffentlichte zweite Teil". Dieser zweite Teil aber verfolgt den Weg Josef Heiligers nach seiner Entlassung aus dem Sanatorium.

Es ist eine Don Camillo-und-Pepone-Geschichte, die in die Zeit nach 1989 hineinreicht. Der ehemalige Bürgermeister des Eichsfelder Kummerfeld bittet Pater Blasius, ihn zu beerdigen. Er hat das letzte Wort. Ohne Zweifel aber hat Wolfgang Helds Film sein "Scherflein zu den Ereignissen von 1989" beigetragen, wie ihm ein Pfarrer schrieb.

Familienschicksale prägten ihn

Doch wie kommt einer zu solchen Prägungen? Held wurde in dieses "Jahrhundert der Extreme" hinein geboren. Als die Amerikaner im April 1945 nach Weimar kamen, war er 15 Jahre alt. Der Vater war konsequenter Sozialdemokrat. Nach 1945 weigerte er sich, in die SED einzutreten und wurde erneut gedemütigt und erniedrigt. Die Geschichte des Vaters erzählt Held in seinen Büchern immer wieder. Eine offene Wunde.

Sein Onkel Rudi, ein Kommunist, litt in Buchenwald; der Mann der Tante gehörte zur Wachmannschaft. Die Schwester der Mutter überlebte das KZ Ravensbrück. Noch ehe die Amerikaner die Weimarer auf den Ettersberg befahlen, suchte Held dort seinen Onkel. Er fand ihn nicht. Dieses Erlebnis drängt sich noch immer in seine Träume. Ein Häftling nahm den Jungen zur Seite: "Tränen allein genügen nicht."

Held stellte sich nach dem Schulbesuch ganz in den Dienst der "neuen Ordnung". Er meldete sich freiwillig zur Volkspolizei, half bei schweren Enttrümmerungseinsätzen. Er erkrankte an TBC. Aus dem Polizeidienst entlassen, wurde er Journalist und begann, sich mit Rat und Ermutigung von Luis Fürnberg schriftstellerisch zu betätigen.

30 Romane und Erzählungen fanden im Lauf der Jahre ihr Publikum. Ob geschickt komponierte Abenteuer-Romane wie "Das Licht der schwarzen Kerze", ob das anrührende Tagebuch "Uns hat Gott verlassen" oder die weit ausgreifende Chronik über das Jenaer Zeiss-Werk. Die Erzählerfiguren seiner Kinder- und Jugendbücher lassen merken, wie sehr dem Autor seine jungen Helden am Herzen liegen. Sie werden mit freundlicher Zuneigung auf den Weg zu einem selbst bestimmten Leben geführt.

Wie geht Schreiben und Leben ineinander? Die Bücherhelden gewinnen insofern aus der Lebenserfahrung ihres Autors, als sie nicht zuletzt aus bitterem Erleben spüren, was der Alltag an Mut und Selbstüberwindung fordert. In solchen Zusammenhängen ist eine Haltung zu würdigen, die andere an Held schätzen: seine Hilfsbereitschaft und Zuwendung. Immer wieder hat er sich als Sozialbeauftragter des Schriftstellerverbandes für seine Kollegen eingesetzt.

Und er selbst? Wolfgang Held sieht heute im Rückblick eigenes Tun und Lassen kritisch. Er sagt, er hätte die letzten zehn Jahre in der DDR nicht ausgehalten ohne die Freundschaft mit Walter Janka. Fünf Jahre war Janka in Bautzen mit verschärfter Einzelhaft eingekerkert. Dennoch blieb er seiner Vision treu. Er verabscheue das System und habe nichts zu tun "mit den Schweinen an der Macht", habe er gesagt. Wenn Held den Aufruf "Für unser Land" unterschrieben hat, tat er das als systemkritischer Kopf - nicht, weil er die überlebte und marode DDR erhalten wollte.

Wie man hört, will Wolfgang Held, der am heutigen Montag das 80. Lebensjahr vollendet, seine Biographie aufschreiben. Wir sind gespannt.