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05.11.2013

Ein Mosbacher zieht ins Haus der Geschichte

von Peter Lahr Rhein-Neckar-Zeitung

Mit einfühlsamen Porträtfotos von Menschen mit Behinderung eckte der Fotograf Dietmar Riemann in den 1980er-Jahren in der DDR an. Nun wandert der 'Fall Riemann' als Beispiel für eine 'Ausreisegeschichte' ins 'Haus der Geschichte'. Foto: Dietmar Riemann

Mosbach/Jena/Berlin. Gleich an zwei Orten wird der in Mosbach lebende Fotograf Dietmar Riemann dieser Tage mit seiner Biografie und seinem künstlerischen Frühwerk konfrontiert. In der Villa Rosenthal in Jena (Thüringen) sind zwei seiner Foto-Zyklen in der Sonderausstellung "Wortwelten / Bildwelten" zu sehen. Ab Mitte November zeigt die neue Dependance des "Hauses der Geschichte" in der Berliner "Kulturbrauerei" Erinnerungsstücke des Fotografen im Rahmen einer Dauerausstellung zum Thema "Ausreisebewegung".

Über einen Freund, einen Dresdener Landarzt, der eine kleine Zusatzstelle in einem Behindertenheim hatte, lernte Riemann das Leben von Menschen mit Handicap kennen. "Es hat mich nicht mehr losgelassen", erinnert sich der 1950 in einer sächsischen Kleinstadt geborene Fotograf. Deshalb wählte er als Thema seiner Diplomarbeit "Geistig behindert - Menschen in den Samariteranstalten Fürstenwalde".

Die empathischen Schwarz-Weiß-Fotos, aufgenommen in der damals größten Institution ihrer Art in der DDR, erweckten auch das Interesse des bekannten Schriftstellers Franz Fühmann. Dieser war nicht nur tief bewegt von den Aufnahmen, er verfasste auch einen großen Essay für ein gemeinsames Buch. Titel: "Was für eine Insel in was für einem Meer."

Zwar war die Abschlussarbeit in Form eines Bildbands geplant - "allerdings nicht als gedrucktes Buch", betont Dietmar Riemann. Als Essay und Bilder ausgestellt werden sollten, kam es im Jahr 1986 zum Eklat: die Fotos wurden abgehängt, die Galeristen entlassen, das Berliner Kulturhaus vorübergehend geschlossen - und Riemann erhielt in der DDR Ausstellungsverbot. "Er wurde aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen", bringt es Roberto Paech, Kurator der Jenaer Ausstellung, auf den Punkt.

Womit wir schon mitten in der nächsten Ausstellung sind. So erfreut wie überrascht war Dietmar Riemann, als sich im Frühling des Jahres Mitarbeiter des "Hauses der Geschichte" bei ihm meldeten. Nach dem "Zeitgeschichtlichen Forum" in Leipzig und dem "Tränenpalast" in Berlin plante man eine neue Dauerausstellung über die Alltagskultur in der DDR in der "Kulturbrauerei" am Prenzlauer Berg. "Dort soll es - worum ich seit 20 Jahren kämpfe - eine große Würdigung des Themas ,Ausreisebewegung' geben", freut sich Dietmar Riemann. Immerhin seien zwischen Mauerbau und Mauerfall 500 000 Menschen "legal" in den Westen gegangen.

Dass das Thema nun anhand des "Falls Riemann" abgehandelt werde, darauf bzw. darüber ist der Mosbacher Fotograf "stolz, aber auch glücklich". Aus seinen Erinnerungsstücken suchten die Wissenschaftler zunächst Umzugskisten und zwölf Originaltagebücher aus. Letztere habe er durch einen Amerikaner in den Westen bringen lassen, erinnert sich der Zeitzeuge. Ziel seines "Laufzettel"-Projekts war es ja, den Menschen im Westen aufzuzeigen, wie Ausreisewillige in der DDR behandelt wurden.

Auch von zwei Kameras hat sich Riemann getrennt. Da ist zunächst: "Meine kleine Kamera, mit der hab ich heimlich die Ostseite der Mauer fotografiert. Das ist eine Olympus XA, ähnlich wie eine Minox." Und dann ist da noch "die gute alte Holzkamera", eine Atelierkamera, bei der man das Objektiv anheben konnte. Diese habe ihm bei Hausdurchsuchungen als Versteck für brisante Unterlagen gedient. Falls ihm noch genügend Zeit verblieben sei, habe er seine Tagebücher im Keller unter den Kohlen versteckt, eingewickelt in eine Plastiktüte.

Zusammengekommen sei am Schluss "so ein Stapel, ziemlich viel Zeug". Dietmar Riemann hat die künftigen Dauerleihgaben zusammen mit seiner Frau Marga nach Leipzig gebracht. Die Trennung von den Erinnerungsstücken sei leicht gefallen. Ihm reichten die Kopien. Gespannt sind Riemanns, wie die Präsentation aussehen wird, wenn das neue "Haus der Geschichte" am 15. November mit einem offiziellen Festakt eröffnet wird. Das derzeitige Interesse an DDR-Themen, auch dafür haben die beiden eine plausible Erklärung: "Wir leben derzeit ein Jahr vor dem Jubiläum 25 Jahre Mauerfall. Das ist ein Anlass, dass es in die Spur kommt."