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14.04.2011

Ein Meister des Umbogens: Landolf Scherzer wird 70

von Martin Straub TLZ

Schuf eine vielbändige Chronik der Wende: Landolf Scherzer hat sich um die Entwicklung der Reportage verdient gemacht. Foto: ddp

Geht der Sachse einen Umweg, sagt er, er mache einen Umbogen. Der gebürtige, wenngleich akzentfreie Dresdner Landolf Scherzer ist als Schriftsteller ständig auf Achse.

Erfurt. Er wandert auf dem Kolonnenweg der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze oder entlang der Grenze zwischen Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien. "Immer geradeaus", verheißt der Titel. Wirklich, immer geradeaus? Er fängt Fisch vor Labrador, baut Häuser in Moçambique, erlebt Schmerzliches vor Tschernobyl und steht am "Sarg der Sojus". Er ist eins mit den Kumpeln von Bischofferode oder den Suhler Musikern, sucht nach den "Helden der Arbeit" in Thüringen, Berlin und Halle. Heute wird er 70.

Zum ersten Umbogen wurde er in Leipzig verdonnert, als er 1965 von der Fakultät für Journalistik exmatrikuliert wurde, nachdem er eine Diplomarbeit über den Personenkult in der DDR geschrieben hatte. Zu gelten hatten verordnete Wahrheiten. Authentizität eines literarischen Reporters und kritische Bestandsaufnahmen waren nicht gefragt. Das musste Scherzer bis zum heutigen Tage immer wieder erfahren.

Als 1975 seine "Spreewaldfahrten" erschienen, beklagte die Betriebsparteiorganisation des VEB Kraftwerkes Lübbenau-Vetschau "die possenhaft verzerrte Darstellung der Realität". Dieses Schlagwort, von der dogmatischen Parteibürokratie in der DDR immer wieder genutzt, hält sich zählebig. Als 2005 "Der Grenzgänger" erschien, wurde dem Autor prompt vorgeworfen, er konstruiere ein "Zerrbild von den wirklichen Verhältnissen". Der literarische Reporter kann nur sein Bild geben. Was er am Anfang der Wanderung sieht, sind bauliche Zeugen martialischer Grenzbefestigungen. Ihn irritiert, dass Gras sich über die Geschichte zu breiten beginnt.

Seine Stärke ist der genaue Blick fürs Detail. Mit wenigen Strichen zeichnet er seine Figuren, ist empfänglich für die Eigenheiten ihrer Sprache. Die Wende ist seine Koordinate. Manchmal steckt zu viel Sentimentalität in den Rückblicken auf den DDR-Alltag. Andererseits macht er darauf aufmerksam, wie gegenwärtige soziale Verwerfungen und die Missachtung von Lebensleistungen den Blick auf den Alltag in der Diktatur weichspülen. Die schlimmen Seiten werden nicht verdrängt. Man lese "Die Fremden", seine Analyse des alltäglichen Rassismus in der DDR.

 

 

Erster großer Wurf: Fänger & Gefangene


Landolf Scherzer baut auf Umbögen und zufällige Begegnungen - als erzählerisches Lebensprinzip. Im Reportageband "Letzte Helden" gibt es die "Zwei Versuche, mich Tschernobyl zu nähern". Scherzer gelangt nicht an sein Ziel, obwohl er die Möglichkeit hat, in die Sperrzone zu fahren. "Einmaliger Extremtourismus! Die bizarrsten Tagestouren der Welt!" steht auf der Motorhaube des Kleinbusses. Scherzer kehrt um. Aber was alles hat der Leser erfahren. Die nüchternen Fakten des Gaus, verquickt mit erschütternden Geschichten. Von einer alten Frau, die in einem verstrahlten Dorf lebt. Vom Kampf der Feuerwehrleute in bloßen Stoffuniformen, die die rote Fahne des Sieges hissten. Von bettelnden Kriegsversehrten und Tschernobyl-Opfern.

Scherzer hat sich um die Entwicklung des Reportage-Romans verdient gemacht. "Fänger und Gefangene" (1987) war ein erster großer Wurf: Die DDR-Gesellschaft, zusammengepfercht auf einem Fischverarbeitungsschiff auf hoher See. Im Umfeld der Niederschrift setzt die Stasi-Verfolgung ein, "OV Sophist" wegen "staatsfeindlicher Hetze". Und ein "Zwischenbericht" 1981 spricht von "gesellschaftsgefährlichen Angriffen", von der "offen bzw. verklausulierten Vertretung dieser feindlichen und revisionistischen Auffassungen in seiner Literatur".

Sieben Jahre später wird er zum viel beachteten Chronisten der Wende mit den Romanen, "Der Erste" (1988), "Der Zweite" (1997) und "Der Letzte" (2000). 1992, vier Jahre nach Erscheinen seines Reports "Der Erste" über den SED-Kreissekretär Hans-Dieter Fritschler, begann er über den Zweiten zu schreiben, den CDU-Landrat Stefan Baldus , einen ehemaligen Bundeswehr-Offizier. Es werden Lebensgeschichten von mehr als 60 Figuren dokumentiert. Wo gab es solche Karrieren: vom Kulturhausleiter zum Erotik-Shop-Besitzer, vom Politoffizier zum Pförtner? Scherzer schreibt, wie Wallraff es sagt, über die "weißen Flecken der aktuellen sozialen Wirklichkeit". Inzwischen hat er sich wieder auf die Socken gemacht - in China. Das hatte Tücken. Er konnte kein Chinesisch. Nun muss er die Umbögen am Schreibtisch machen.