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09.01.2010

Ein-Mann-Buchkunstverlag burgart-presse wird 20

von Frank Quilitzsch TLZ

Lucie sitzt auf dem Bücherschrank und schnurrt. Mag sein, dass die zufrieden auf uns herabschauende Stubenkatze als Vorlage für das gelungene Jubiläumsplakat gedient hat, von Anfang an dabei war sie nicht. Lisa vielleicht, doch die ist gestorben. Seit zwei Katzenleben hält sich die burgart presse Rudolstadt, ein Kleinstverlag von internationalem Ruf, nun schon auf dem Buchkunst-Markt, und das Ein-Mann-Unternehmen schnurrt wie am Schnürchen. Seit der Gründung vor zwanzig Jahren sind 110 Titel erschienen - mit Texten von Walter Jens, Adolf Endler, Heinz Czechowski, Nick Cave, Wulf Kirsten, Harald Gerlach, Friederike Mayröcker oder Christa Wolf. Künstler wie Felix Furtwängler, Wolfgang Henne, Karl-Georg Hirsch, Helge Leiberg oder der Thüringer Alfred Traugott Mörstedt lieferten Originalgrafiken.
Das sind nicht einfach Bücher, sondern Gesamtkunstwerke, die nach Jens Henkels Vorgaben entstehen - aus purer Freude an Schrift und ästhetischer Gestaltung, aus nie versiegender Lust am Experiment. Kein Buch ist wie das andere. Hier wird noch alles handgemacht. Handsatz, Bleisatz, Holzschnitt, Scherenschnitt - Begriffe wie aus einem anderen Jahrhundert. Das fertige Produkt ist nicht nur schön anzuschauen, man kann es auch riechen und betasten. Ein Luxus in einer zunehmend digitalisierten Welt.

Der Verlag ist so klein, dass er in die Dachstube des Eigenheims in Mörla passt. Ein Schreib- und ein Computertisch, ein Schränkchen und zwei Sessel vor einer Bücherwand. Wo ich Platz nehme, haben schon berühmte Dichter wie Hans Magnus Enzensberger gesessen. Henkels erster Autor in der burgart presse war Walter Jens. "Das A und das O - Die Offenbarung des Johannes" mit 20 Holzschnitten von Karl-Georg Hirsch brachte dem Verleger 1991 eine Anerkennung beim Wettbewerb "Die schönsten deutschen Bücher" ein. Und Henkel vertreibt auch die letzte eigenständige Buchveröffentlichung des berühmten Tübinger Rhetorikers - "Ich, ein Jud", erschienen 2004. Ein Meilenstein der Verlagsgeschichte war sicherlich die von dem Leipziger Helge Leiberg illustrierte Erzählung "Im Stein" von Christa Wolf. Mit dem Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupek arbeitet Henkel gern und viel zusammen, auch mit dem Grafiker Felix M. Furtwängler. Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Harald Gerlach, dem wandernden Dichter. Er liebt die Mappenwerke von Max Uhlig, Eberhard Göschel und Michael Morgner und die reinen Künstlerbücher, für die Text und Bild aus einer Hand kommen.

Keine Buchmesse seit 1990 versäumt

Reich werden, wischt Jens Henkel jede Illusion mit einer Handbewegung fort, kann man mit Künstlerbüchern nicht. Dies sei auch nie sein Ziel gewesen. Seine Anstellung als stellvertretender Direktor des Thüringer Landesmuseums Schloss Heidecksburg gibt ihm die nötige finanzielle Sicherheit. Mithelfen zu können, dass die grafische Kultur, eine ostdeutsche Tradition, nicht untergeht, ist ihm Lohn genug.

Denn er lebt ja mit seinen Büchern, die sich überall breitmachen, und muss aufpassen, dass diese nicht Gattin und Katze verdrängen. Also weiter verkaufen. Seit 1990 hat Jens Henkel keine einzige Buchmesse versäumt.

Als ich wissen will, wann genau er die burgart presse gegründet habe, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Laut Gewerbeschein am 20. Februar 1990. Doch das begann viel früher. Im Dezember 1989 ging ich zum Rat des Kreises Rudolstadt und sagte, ich möchte einen Buchverlag gründen. Was muss ich tun? Oh! Niemand konnte es mir sagen. Der Antrag ging an den Rat des Bezirkes Gera und von dort ins Ministerium zu Klaus Höpke, von Höpke über den Rat des Bezirkes wieder zurück an den Rat des Kreises. Ende Februar kam dann ein Schriftstück mit einer Behördenmarke drauf, ich musste fünf Mark der DDR bezahlen, und damit war die burgart presse ins Leben gerufen."

Ein Start aus dem Kalten war das aber nicht, denn Henkel hatte schon zu DDR-Zeiten Künstlerbücher herausgegeben, ohne Gewerbeerlaubnis. Winfried Henkel (Grafikdruck), Hahndruck Kranichfeld (Buchdruck) und der Buchbinder Ludwig Vater waren schon 1983/84 und sind noch heute mit von der Partie. Der begeisterte Sammler von Künstlerbüchern in der DDR startete 1985 seine Reihe "Reflexionen" mit A. T. Mörstedt: "Das war mein Probelauf." Bis 1997 erschienen zehn Bände für eine Chemnitzer Galerie. Jeweils einem Künstler wurde Gelegenheit gegeben, sich in Text und Bild darzustellen.

Leidenschaft ist noch immer des Verlegers Triebkraft, auch wenn er sein Geschäft heute nüchterner, routinierter betrachtet. Das Erfrischendste: "Ich lerne ständig neue Künstler kennen, auch jüngere." Demnächst wird Henkel mit Freunden auf das Jubiläum anstoßen und den Beatles-Titel "Lucie In The Sky With Diamonds" auflegen. Auf seinem Teppich liegt "erlesenes", ein Glasperlenspiel von Sabine C. Sauermilch zu einem Text von Inger Christensen. Vom Rauchertischchen schaut ihn "Der geneigte Leser" an, eine Miniskulptur von Walter Sachs. Und dann ist da noch Lucie. Wie schön, wenn über allen Büchergipfeln eine Katze schnurrt.

i Jubiläumsausstellung bis 13. Februar in der Ernst-Abbe-Bücherei Jena; dazu ist ein Almanach "Zwanzig Jahre burgart" erschienen (132 S. mit 70 farb. Abb., 24 Euro)