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26.01.2012

Ein Leseerlebnis der besonderen Art

von Beatrice Ungar Hermannstädter Zeitung

"Wo ist Siebenbürgen...und wo sind die Leute" fragt Martin Straub in seinem Essay, das in der Anthologie "Mehrfachbelichtungen", der von dem Lese-Zeichen e. V. mit Sitz in Jena 2011 herausgegeben wurde. Der Text trägt den Untertitel "Eine Reise zu den Kirchenburgen - ein alter Mann - und Herta Müllers 'Atemschaukel'" und wagt, so wie es der eben erwähnte Untertitel vermuten lässt, einen regelrechten Spagat zwischen Kulturtourismus, Begegnungen mit "Einheimischen" in Siebenbürgen und dem Hauptthema des Romans der Nobelpreisträgerin, der Vorgeschichte und der Geschichte der Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion 1945.

Die Anthologie selbst trägt den Untertitel "Rumänische Erkundungen" und enthält das in Text und Bild verdichtete Ergebnis zweier Reisen einiger Autorinnen und Autoren aus Deutschland nach Siebenbürgen und in die Bukowina in den Sommern 2009 und 2010, ergänzt mit Texten der in Deutschland lebenden rumäniendeutschen Autoren Werner Söllner, Daniela Boltres und Marius Koity, die, wie Helge Pfannenschmidt in seinem Vorwort schreibt, "wesentlich zum Gelingen dieses Bandes beigetragen" haben. Pfannenschmidt führt weiter aus, warum die Künstler Rumänien als Reiseziel gewählt haben: "Weil wir hofften, hier nachvollziehen zu können, wie sich das Gesicht Europas verändert hat und noch verändert. Weil die Narben von Krieg und Vertreibung, die das 20. Jahrhundert kennzeichneten, hier offen zutage liegen. Das Schicksal der Siebenbürger Sachsen steht für das 'Endlosband des 20. Jahrhunderts: Begangenes Unrecht wird mit erneutem Unrecht vergolten.' (Martin Straub in seinem Herta-Müller-Essay)."

Was Pfannenschmidt allerdings zu den Kirchenburgen schreibt, bedarf einiger Klarstellungen. Er behauptet, dass "von ursprünglich 300 noch 150 erhalten" seien. Ein Blick in das Kirchenburgen-Buch z. B. von Architekt Hermann Fabini hätte gereicht, um festzustellen, dass es niemals so viele Kirchenburgen in Siebenbürgen gegeben hat. Den Begriff hier zu klären würde den Rahmen dieser Rezension allerdings sprengen. Unscharf und zum Teil einfach an den Fakten vorbei schreibt Pfannenschmidt: "Während einige (Kirchenburgen) mit großem Aufwand von der UNESCO oder in idealistischer Privatinitiative restauriert werden, sind andere dem Verfall preisgegeben." Die UNESCO hat sieben Kirchenburgen auf die Welterbeliste gesetzt aber keine einzige Restaurierung finanziert. Desgleichen klingt das, als würden diese Kulturgüter niemandem gehören, was so nicht stimmt. Die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien hat mit bundesdeutscher Hilfe eine Leitstelle für deren Sanierung ins Leben gerufen, die derzeit ein EU-Projekt betreut, das allerdings nur 18 Kirchenburgen zugute kommt. Auch der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien hat u. a. die Restaurierung der Kirchenburg in Donnersmarkt finanziell unterstützt, nicht zu vergessen die Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung mit ihren zahlreichen Projekten.

Zurück zu der Anthologie, die lesenswerte Texte beinhaltet und auf jeden Fall zu empfehlen ist, obwohl immer wieder ein Klischee aufblitzt oder regelrecht ein Urteil gefällt wird über einen Ort in Siebenbürgen, wie das Nancy Hünger in "Es gibt eine Geschichte" tut: "Birthälm ist ein unbewegtes Dorf, ein lang angehaltenes 'Dort'; keiner wird es verändern. Zwischen den brachgeschundenen Weinterrassen schlummern die bunten Häuser". Diese unvoreingenommene Sicht auf den Ort der 300 Jahre lang Bischofssitz und nach 1990 wiederholte Male Austragungsort des jährlichen Sachsentreffens war, lässt aufhorchen, zwingt zum Nachdenken. So auch die Worte von Daniela Boltres: "...von meinem zopfbeschwerten Kopf/fließen lange bestickte Bänder in Rot und Grün auf das blaue Leibchen/über der weißen Biesenbluse herab alles geborgt auch die Verzweiflung/nicht deutsch genug zu sein" ("Deutsche Schule in Zeiden: das blaue Klassenzimmer").

Darin liegt auch die Stärke dieses Sammelbands: Verschiedene Autorinnen und Autoren weben aufmerksam und einfühlsam zugleich an dem "Teppich Rumänien", der nicht perfekt ist, aber bunt, nicht fertig aber auch nicht langweilig. Ein Leseerlebnis der besonderen Art, das dank der Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen nun einem breiten Publikum empfohlen werden kann. Nicht zuletzt ist zu bemerken, dass in dem Band auch zwei inzwischen ehemalige Brukenthalschüler zu Wort kommen. Die freie Autorin Daniela Danz hatte ein besonderes Projekt, bei dem sie Elftklässler von der Brukenthalschule in Hermannstadt dazu aufforderte, eine Geschichte zu schreiben, die so beginnt: "Ein Engel kommt an die Pforte meines Vaterlandes. Er trägt eine leichte und eine schwere Last. Seine Flügel sind müde. Er fragt den Wärter:". Sie schreibt: "Von hier aus, von einem angefangenen Gedanken, den ich mitbrachte als Reisende in ein fremdes Land, gingen sie hinein in ihr Land (...) Von all dem schrieben die Jugendlichen: von der Macht des Wärters, von der Verzagtheit des Engels, von der Beiläufigkeit der Situation und von der Zigarette, nach der der Engel fragt. Na klar, denke ich, als ich ihre Geschichten lesen höre, wird er nach einer Zigarette gefragt haben, und ich sehe den rauchenden Engel vor mir, wie er, gegen die Mauer gelehnt, in die Richtung sieht, aus der er kam." Ausgewählt hat Danz dann die Geschichten von Maximilian Braisch und Radu Rosian, zwei vielversprechenden Jungautoren.