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10.01.2006

Ein Leibchen zum Gruß

von Frank Quilitzsch TLZ

Ranis/Berlin. (tlz) "Alles für die Katz" - unter diesem Titel stellte Manfred Bofinger vor anderthalb Jahren in der Galerie Westerheide in Ranis aus. Im Mittelpunkt der heiteren Schau stand der Stubentiger in unterschiedlichster Rolle und Gestalt. Auf der benachbarten Literaturburg las und malte der beliebte Berliner Karikaturist, Illustrator und Schriftsteller vor Kindern. Bofi, wie er von seinen jüngsten Verehrern liebevoll genannt wurde, war einer der Höhepunkte der Thüringer Literatur- und Autorentage 2004. Wenige Monate später erlitt der damals 63-jährige Zeichner in seiner Wohnung einen Gehirnschlag und fiel ins Koma.

Manfred Bofinger ist nicht wieder aus seinem Koma erwacht; am Sonntag starb er mit 64 Jahren in einem Berliner Krankenhaus an einer Gehirnblutung.

Zeichnete für "Frösi"

und "Eulenspiegel"

Bofinger, 1941 in Berlin als Sohn eines Plakatmalers geboren, gehörte neben Werner Klemke zu den bekanntesten und erfolgreichsten ostdeutschen Zeichnern. Der gelernte Schriftsetzer arbeitete sieben Jahre lang als Typograph beim DDR-Satiremagazin "Eulenspiegel", ehe der Karikaturist Karl Schrader dessen zeichnerisches Talent entdeckte. Von da an ging es steil bergauf: Bofinger wurde freiberuflicher Grafiker und Cartoonist, zeichnete für den "Eulenspiegel" und die Kinderzeitschrift "Frösi", illustrierte etwa 300 Kinderbücher, veröffentlichte eigene sowie Karikaturenbände, Postkartenbücher und Bastelbögen. Berühmt wurden viele seiner Karikaturen, mit denen er Engstirnigkeit, Intoleranz und Rechthaberei von Zeitgenossen aufs Korn nahm.

In dem 1998 im Aufbau-Verlag erschienenen Buch "Der krumme Löffel" erinnert sich Bofinger an seine Kindheit im Nachkriegs-Berlin. Anhand heiter erzählter Episoden werden Freunde, Lehrer und Spiele auf der Straße und Abenteuer in Kellerruinen wieder lebendig. Das Buch fand binnen kürzester Zeit mehr als 20 000 Interessenten.

Bofinger las besonders gern vor Kindern, und nach ungezählten Auftritten in Schulen, Kinderpsychiatrien und Bibliotheken hat er 2004 die komischsten und skurrilsten Erlebnisse in dem Band "Ein dicker Hund - Geschichten mit Kindern" (ebenfalls bei Aufbau) versammelt. Statt eines Vorworts gibt es Kindermund. Clara B., 8 Jahre: "Unsere Katze Polly kann keine Kinder mehr kriegen. Sie ist illustriert." Prompt malte Bofi das Wundertier mit Pinsel in der Schnauze.

Legendenbildungen versuchte der Autor energisch entgegen zu wirken. Nichts in diesem Buch sei erfunden, schrieb er, nicht einmal der Name Bofinger, wie manche Kinder glaubten. Ein Mädchen wünschte sich von ihm ein gemaltes Ungeheuer, und Bofinger lieferte es frei Haus. Natürlich haben auch Kinder ihren Lieblingszeichner porträtiert - die schönsten Arbeiten zeigen ihn als Mondmann mit Brille und Rauschebart, was der Wirklichkeit ziemlich nahe kam.

Auch umgekehrt versetzte der Zeichner mit dem warmherzigen Blick seine Anhänger und Leser in Erstaunen. Neulich, erzählte Bofinger, hätte ihn eine Kinderbuchbibliothekarin angerufen und festgestellt: "Also nein, Sie sehen ja genauso aus wie auf Ihren Zeichnungen!" Seitdem zeichnete Bofinger sehr behutsam, ein wenig ängstlich, beinahe verkrampft.

Mann voller Witz und Freundlichkeit

Als einen Mann "voller Witz und Freundlichkeit" charakterisiert ihn Literaturmanager Martin Straub vom Thüringer Lese-Zeichen e. V.: Bofinger habe mehrfach in Jena, Eisenach und Ranis gelesen - "immer bildeten sich beim Signieren lange Schlangen, weil er jedem noch ein eigenes Bildchen als Andenken ins Buch skizzierte".

So wie viele Kinder und erwachsene Freunde seiner Zeichenkunst bin auch ich im Besitz eines bleibenden Andenkens. Bofi hatte auf Burg Ranis aus seinen Kindheitserinnerungen gelesen, in denen das Leibchen eine tragende Rolle spielt. Und er kannte die Leibchen-Tragödie aus meinem Band "Dinge, die wir vermissen werden". Nach der Lesung fertigte er für mich spontan eine Zeichnung an: Sie zeigt ein zweibeiniges Stacheltier mit Stiefeln und Leibchen. Warum Bofinger einen Igel malte, weiß ich nicht. Das Leibchen jedenfalls erinnert an Strapse.