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05.09.2008

Ein Land aus Büchern und Bergen

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Morgen gibt es eine besondere Premiere im Freistaat: den ersten Tag der Literatur in Thüringen. Der hiesige Literaturrat hat ihn ins Leben gerufen und von Altenburg bis Ziegenrück viele 70 Veranstaltungen vorbereitet.

THÜRINGEN. Man mag gerade in diesem Land immer wieder darauf hinweisen, dass Identität mit kulturellem Reichtum zusammenhängt. Weshalb man mit einem Tag der Kultur die Verantwortlichen aufstören und mit Demos manchmal das eigene Theater retten kann - das dann nicht sang- und klanglos abstürzen mag, wie das Eisenacher. Wenn vom "weichen Standortfaktor Kultur" gesprochen wird, ist das Quatsch. Es sind knallharte Bildungschancen und feste Arbeitsplätze, Kampf gegen Abwanderung und Lust am Leben, um die es geht. Auch mit einem Tag der Literatur.Es war wohl der Geschäftsführer des Literaturrats, der diese Idee zunächst hatte. Doch bald wurde klar: Es geht nicht um Lesungen und Buchpräsentationen - selbst wenn die dazugehören. Es geht auch nicht um Tourismusmarken. Obwohl auch diese überaus wichtig sind. Es geht darum, den Reichtum dieses Landes zu begreifen, der in den Köpfen drin ist und auf den Gedenktafeln steht, der Buchläden, Bibliotheken und literarische Zirkel füllt. Landsmannschaftliche Verbundenheit hat mit der Sprache - und folglich auch mit dem Dialekt - zu tun. Mit Dichterinnen, die "von uns hier" kommen und mit deren Ansehen in der Welt. Um ein entferntes Beispiel zu nehmen: Wie gut, dass Brigitte Reimann ihre letzten fünf Lebensjahre in Neubrandenburg verbrachte. Sonst stünde dort heute kein Literaturhaus. Und was wäre das Dörfchen Carwitz ohne Hans Fallada?Beim Tag der Literatur ging es von Anfang an auch um die Breite. Volkssport, nicht unbedingt Spitzensport. Um den Novalis-Freundeskreis auf dem platten Lande und die Mundartdichter zwischen Lichte und Limbach, die ihren Weg auf den Höh"n gehen. Um den Literaturstammtisch und den Bücherflohmarkt, um Liebe zu den Versen und Pflege der Dichtergrabstätte.Das Programm zeigt: Man hat verstanden. Buchhandlungen bieten in Artern, Arnstadt, Heldrungen, Meiningen und Rudol-stadt Büchertische mit Werken ansässiger Autoren. Im Dorfe Ulla hausen zwei Mitglieder des Schriftstellerverbandes keines-wegs undercover - folglich lassen sie sich bei einer Lesung im Alten Dorfsaal von der Undercover Band begleiten. Weimar hat seinen Briefreichtum, aus dem man schöpfen kann - einschließlich diverser Gerüchte. Apolda verbindet die außerthüringischen Dichter Allen Ginsberg und Charles Bukowski mit dem ortsansässigen Paul Thomas Bierau und in Weißensee leuchten "Junge Sterne der Literatur", von Jörg Dietrich auch in Weimar installiert. Wie Vernetzungen ganz nebenbei entstehen, dazu ein Bei-spiel aus meiner Wahlheimatstadt. In der Historischen Biblio-thek im Alten Rathaus wird morgen eine Ausstellung eröffnet: "Was las frau in Rudolstadt - Buchbesitz Rudolstädter Frauen im 17. und 18. Jahrhundert". Was lag näher, als zu schauen: Welche Dichterinnen lebten denn in Rudolstadt? Folglich gibt es am Abend eine hoffentlich kurzweilige Lese-Stunde im Freiluftmuseum "Thüringer Bauernhäuser": "Männer verstehen Frauen - Heutige Rudolstädter Männer lesen aus Werken Rudolstädter Frauen". Die Zuhörer könnte doppeltes Interesse locken: dass die Schwägerin Schillers eine Rudol-städterin und be-kannte Schriftstellerin war, wissen sie. Doch wie liest ihr Bürgermeister die Kinderbuchautorin Kellner? Ihr Superintendent die Kirchenliederdichterin? Welche Frau versteht der neue Intendant Steffen Mensching?Oder schauen wir uns in ein paar thüringischen Nestern um, die Pädagogik- und Kulturgeschichte schrieben. Wickersdorf, Schnepfenthal, Keilhau und Leuchtenburg. Hierfür stünden die Namen Gustav Wyneken und Wilhelm Lehmann, Salzmann und GutsMuths, Fröbel und Muck-Lamberty. Namen für spätere Lese-Anlässe. Es sind nicht nur die Bücherschreiber, die ein Land spannend machen, auch die Ideengeber, die Unkonventionellen und die so oft geschmähten Lehrer, die eine Lese-Lust hervorlocken. Ob es jährlich und immer einen Tag der Literatur geben muss, weiß ich nicht. Man kann ihn in den Bücherfrühling ein-betten, am Tag der Bibliotheken praktizieren, Literatur und Denkmale vernetzen; man kann vieles, wenn man will. Man kann ein Gedicht einmal an die Anschlagsäule heften - und immer wieder Jahresarbeiten für Schüler ausschreiben, die Römhild, Johann Peter Uz und Harald Gerlach zum Inhalt haben. Poetry Slam im Studentenclub oder Lebenserinnerungsschreiber im Hinterzimmer - es ist nicht nur, aber auch die Frage nach dem Ort. Das Wort sucht sich den Ort!Der Begriff "Leseland" mag besetzt sein und manchem mag er DDR-nostalgisch klingen. Doch warum soll Thüringen kein Vorleseland, Märchentagebuch, Storycountry, Fabel-Reich, Reim-Gemeinwesen, Freier Vers-Freistaat, keine Romanvorlage und keine spannende Erzählung sein? Die Lieder, die durchs Volk gehen, müssen nicht, aber können namenlos sein. Diejenigen, die sie gestern ersannen und heute singen, brauchen ab und zu ihren Eh-rentag. Ihren Tag der Literatur.