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30.10.2006

Ein Konzept mit Weitblick

von Martin Straub TLZ

Das dreiteilige Interview von Hans Hoffmeister mit Volkhard Knigge nimmt der Geschäftsführer, Mitbegründer und Vize-Vorsitzende des Lese-Zeichen e.V. zum Anlass für einen Leserbrief:

Eigentlich können die Regierenden des Freistaates Thüringen stolz auf jene Bürger sein, die für den Erhalt ihrer Theater auf die Straße gehen. Oder will man gar dem sarkastisch-ironischen Vorschlag Bertolt Brechts in dem Gedicht ?Die Lösung? folgen, das (Theater)-Volk aufzulösen, um ?ein anderes? zu wählen? Besser wäre es wohl den Vorschlägen Volkhard Knigges in dem dreiteiligen Interview (TLZ vom 20. bis 23. November) zu folgen. Weil er von Schieflagen der bisherigen Diskussion absieht und eine Grundlage für die weitere konzeptionelle Arbeit für die Kulturlandschaft Thüringen gibt. Knigge setzt an bei einer Zustandsanalyse der Gesellschaft und bedenkt, was ein reiches kulturelles Leben leisten kann. In einer Situation, in der die Gesellschaft ?auseinandertreibt? und viele Menschen in ?zerbrechlichen Arbeitsverhältnissen? leben. Verhältnissen, in denen ?die Einkommen so weit absinken, dass man am normalen gesellschaftlichen Leben - Kinobesuche, kulturelle Ereignisse, kleine Freuden ? nicht mehr teilhaben kann?. Aber solche Fragen gehören eben auch in die Diskussion. Und so sehr ich mit denen bin, die ihr Theater und Orchester verteidigen und hoffentlich auch besuchen, so sage ich auch, heute verlangt die Kulturdebatte nach einem Gesamtkonzept, in dem die Bibliotheken, Musik- und Kunstschulen, Museen, Galerien, Verbände und Vereine und viele andere ihren Platz haben. Und ich halte eine Diskussion für völlig verfehlt, die bedeutet, wenn an der ?Hochkultur? nicht gespart werden kann, geht das zu Lasten der sogenannten ?Breitenkultur?. Eines darf nicht passieren, dass die unterschiedlichen Bereiche in einer bloßen Mangel- oder Spardiskussion gegeneinander ausgespielt werden, anstatt nach den Synergie-Effekten zu fragen und neue Finazierungsmodelle zu überlegen. Hier gibt es durchaus gute Beispiele, um aus meinem Tätigkeitsfeld zu sprechen: die Initiative des Kultusmisnisteriums ?Lust auf lesen?, die Projektmanagerstellen, die eine dringend notwendige kontinuierliche Arbeit zulassen. Knigge spricht von der Wichtigkeit ?lebendige Kultur vor Ort in all ihren Facetten, von der Hochkultur bis zur Soziokultur?. Das sei ein ?ganz wichtiges Ferment für die Festigung und Verlebendigung von Zivilgesellschaft. Kultureinrichtungen sind Kristallisationspunkte für zivilgesellschaftliches Miteinander?. Aus solchen Gründen hat eben die Greizer Bibliothek den Bibliothekspreis von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und vom Thüringer Kultusmisnisterium vor kurzem überreicht bekommen. Weil diese Bibliothek, übrigens wie viele andere, ihre Türen für Bildungs- und Sozialarbeit öffnen und ein ?auf Respekt und Toleranz bedachtes Miteinander? fördern. Sie ist ein ?Ort bürgerlicher Öffentlichkeit?. Und wenn Herr von Witzleben und andere sagen ?Hochkultur gehört zu Hightech?, so ist das nur zu unterstreichen. Aber gehören nicht die Beherrschung kultureller Basistechniken genauso dazu? Wird sie nicht vor allem durch den mündigen Bürger mit seiner Phantasie und Kreativität getragen? Über all das gilt es zu sprechen. So plädiere ich für einen ?runden Tisch?.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass in den derzeitigen Diskussionen diese vielseitige Thüringer Kulturlandschaft eher als Last denn als Reichtum begriffen wird. Reichtum gilt es zu mehren. Wie wird denn einer angesehen, der Reichtum verspielt. Und im übrigen sähe die Denkfabrik Thüringen nicht nur öde aus, ihre Pfeiler würden brechen. Wie heißt es doch am Schluss von Uhlands Ballade ?Des Sängers Fluch?. ?Und rings, statt duft?ger Gärten, ein ödes Heideland,/ [...] Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch;/ Versunken und vergessen! Das ist des Sängers Fluch.? Keine schönen Aussichten.