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09.12.2007

Ein kleines Welttheater

von Frank Quilitzsch TLZ

Hans-Jürgen Döring, wie kriegt man Politik und Poesie unter einen Hut?
Mein Credo ist: Poesie darf nicht vordergründig politisch sein, nur dann kann sie politisch wirken. Lyrik mit agitatorischem oder pädagogischem Duktus lehne ich ab, weil sie den mündigen Leser oder Zuhörer beleidigt. Andererseits darf sich das Gedicht auch nicht nur aus Ästhetischem speisen, es braucht ein inhaltliches Potenzial.

Der Terminkalender eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden, bildungs- und kulturpolitischen Sprechers sowie Vorsitzenden des Bildungsausschusses enthält sicher kaum Mußestunden ...

Das ist ein Riesenproblem. Ich kann mich nicht hinsetzen und einfach ein Gedicht schreiben.

Auch nicht auf der Oppositionsbank?

Ich schreibe doch nicht aus Trotz. Dazu brauche ich eine gewisse Gestimmtheit und einen anderen Rhythmus. Ich muss mich in einen völlig anderen Zustand versetzen. Deshalb schreibe ich auch nur relativ selten Gedichte. Ab und zu gibt es einen Anlass, der mich aufwühlt. Dann trage ich das lange mit mir herum, und irgendwann finde ich Zeit, daran zu arbeiten.

Poetisch arbeiten heißt mehrere Fassungen schreiben, immer an Worten und Wendungen dran bleiben. Wann gehen dir Gedichtzeilen durch den Kopf? Wenn du im Zug sitzt und heimfährst?

Der Zug ist ein guter Ort für Lyrik. Vielleicht hängt das mit dem Rhythmus zusammen. Hier kann ich Ideen und Bilder ausbrüten. Oft dauert es Monate, bis daraus ein Gedicht entsteht. Ein gelungenes Gedicht ist für mich ein Gedicht, aus dem sich kein Wort mehr entfernen lässt, ohne dass es zerstört würde.

Die Sprache der Dichter ist leis´. Findet sie unter Genossen und politischen Kontrahenten Gehör?

Das probiere ich am Mittwoch aus, wenn der Lyrikband im Landtag vorgestellt wird. Ich hoffe, dass dann auch einige Politiker den Weg zu uns finden.

Ein "theatrum mundi", wie du deinen Gedichtband nennst, ist doch die Thüringer Volksvertretung auch.

Der Landtag ist aber nicht gemeint. In meinem "Welttheater" versuche ich im Kleinen darzustellen, was im Großen abläuft.

Du schreibst viele Natur- und Liebesgedichte.

Das gehört dazu. Ich schreibe über das, was mich bewegt.

"Dagegen war ich nie. / Als er dies / seinen Wänden / anvertraute / lachten sie / und stürzten / ein." Solche Verse sind doch wie Sand im fein geschmierten Getriebe der Politik - oder?

Das sind Grunderfahrungen, die man macht, als Politiker und als Mensch. Man darf nicht den einfachen Floskeln trauen. Handeln ist wichtiger als große Rhetorik.

Anfang der 70er Jahre fuhr der Oberschüler Hans-Jürgen zum Poeten-Seminar und traf dort einen anderen Jürgen, den Fuchs.

Den traf ich erst im zweiten Jahr.

Ihr habt euch geweigert, Gedichte für die Weltfestspiele zu schreiben?

Wir sollten agitatorische Lieder schreiben und haben das abgelehnt. Jürgen Fuchs war der Wortführer. Danach bin ich vom FDJ-Zentralrat nie wieder eingeladen worden.

Die Freundschaft zu dem Bürgerrechtler Jürgen Fuchs überdauerte selbst dessen Abschiebung nach Westberlin. Wie seid ihr in Verbindung geblieben?

Durch meine Cousine, die in großen Abständen nach Westberlin geflogen ist und von dort aus Verwandte im Osten besucht hat.

Was für Gedichte hast du damals geschrieben, und sind einige auch mit in den Band aufgenommen worden?

Vielleicht fünf oder sechs. Ich habe damals vor allem kritische Lieder geschrieben, die ich auch selbst zur Gitarre gesungen habe - vor Freunden. Manche haben mir daraufhin die Freundschaft gekündigt.

Was waren das für Lieder?

Zum Beispiel die "Ballade vom bösen Wolf" - als Wolf Biermann ausgebürgert wurde. Mit einem anderen Lied habe ich besungen, wie Horst Sindermann im Eichsfeld Hof gehalten hat: "Wenn uns ein König kommt".

Du wurdest Lehrer für Sport und Deutsch, nach der Wende Schulleiter in Hundeshagen. Wo liegt denn Hundeshagen?

Das ist ein kleines Musikerdorf im Eichsfeld. Katholisch geprägt. Die Leute sind sehr freundlich, ich habe mich dort wohl gefühlt und bin auch heute gern dort.

1989 hast du im Eichsfeld die SPD gegründet.

Damals noch SDP. Ich bin einer der zehn Gründungsmitglieder im Eichsfeld.

War´s dann erst mal aus mit den Gesängen?

Klar. Die Lieder waren eine Art von Ventil gewesen. Jetzt hatten wir plötzlich die Möglichkeit, selbst etwas zu gestalten. Ich habe mich politisch engagiert, was ich eigentlich gar nicht wollte. Ich wollte diese Entwicklungen nur anschieben und war plötzlich mittendrin.

Ein spezielles Steckenpferdvon dir ist die Rockmusik. Wie war das damals mit Silly, Tamara Danz und Rio Reiser?

Sillys Keyboarder "Ritchie" Barton ist mein Cousin, dem ich übrigens die erste Gitarre geschenkt habe. Deshalb ist er überhaupt Musiker geworden. In den Ferien bin ich oft nach Berlin gefahren, habe auch mal Texte für Silly geschrieben. In den 70ern hat sich bei Tamara Danz die halbe Rockszene aus Ost und West getroffen. Da habe ich auch eine Nacht lang mit Rio Reiser dem Alkohol gefrönt.

Wir hatten in Deutschland schon mal einen dichtenden Kulturminister, der hieß Johannes R. Becher. Bekommt Thüringen bald auch einen?

Muss ich darauf antworten?

Vielleicht noch ein Satz zum Graphiker Walter Sachs?

Ich bin von ihm begeistert. Walter Sachs sollte zwei, drei Graphiken zu dem Band anfertigen. Dann habe ich ihn besucht, und es lagen 50 dort! Manche ganz dicht am Text. Manche in einer anderen, für mich überraschenden Lesart.