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13.04.2013

Ein Indianer weint doch nicht!

von Dietmar Ebert TLZ

Indianer weinen nicht. Sie sind mutig, halten zusammen und verraten einander nicht. Schließlich sind sie Blutsbrüder. In Verena Zeltners neuem Buch heißen sie Moritz und Kalle. Moritz ist mit seiner Mutter aus dem Thüringischen in das Ostseebad Dienshagen gezogen. Sie wohnen bei Oma Erna. Das ist nicht seine richtige Oma, aber eine Oma, wie sie besser nicht sein könnte: verständnisvoll und hilfsbereit. Moritz schreibt die besten Aufsätze in der Schule. Und er mag seine Mutter. Sie arbeitet als Zimmermädchen in einem Dienshagener Hotel. Seine Mitschüler hänseln ihn zwar wegen seines Dialekts, aber das ändert sich, als Kalle sein bester Freund  wird; sie entdecken in der Nähe des Strands eine Höhle und retten ein weißes Pony, das von einem Zirkus zurückgelassen wurde. Moritz und Kalle haben keine Geheimnisse vor einander; als jedoch Kalle seinem Freund Moritz erzählt, wie sehr ihm das Mädchen Charlie gefällt, kommt Moritz in Konflikte, denn auch ihm ist Charlie nicht gleichgültig.

Im Sommer  hat  Moritz‘ Großvater, ein gefragter Pianist,  ihn und seine Mutter zu einer Kreuzfahrt eingeladen. Auf dem Schiff lernt er den amerikanischen Jungen Phil kennen, der Klavier spielen kann und ihm von den Schwarzfußindianern erzählt. Ein schöner Sommer liegt hinter Moritz. Doch an einem der ersten Schultage ändert sich alles für ihn. Moritz  hatte zwar den besten Aufsatz geschrieben und durfte ihn auch vorlesen, doch eine Mitschülerin meinte, der Aufsatz sei doof und erlogen, und auch seine Mutter sei eine Lügnerin, die weder lesen, noch schreiben könne. Moritz kann sich das nicht vorstellen, rennt nach Hause, doch seine Mutter arbeitet, und Oma Erna, die er bestürmt, ihm zu sagen, ob das stimme, bestätigt ihm, dass seine Mutter nicht lesen und schreiben kann. Für Moritz bricht eine Welt zusammen, das Vertrauen zu seiner Mutter ist gestört. Er macht sich auf den Weg nach Rostock. Von dort will er mit einem Frachter nach Amerika übersetzen, seinen Freund Phil besuchen und künftig bei den Schwarzfußindianern leben. Nur Kalle weiß davon. Auf dem Weg von Dienshagen nach Rostock bemerkt Moritz, wie schwer es ist, fast ohne Geld und Lebensmittel sich durchzuschlagen; die Reise misslingt, und plötzlich stehen seine Mutter, Oma Erna, Kalle und seine Familie neben ihm in Rostock. Nun wird es erst einmal nichts mit der Reise zu den Schwarzfußindianern; trotzdem ist Moritz ganz froh, wieder zu Hause zu sein.

Verena Zeltner hat das unterschätzte und verdrängte Problem des Analphabetismus in Deutschland aus der Perspektive eines 11-jährigen Jungen in einem spannungsreichen Kinderbuch erzählt, sie hat sich in die Gefühls- und Gedankenwelt des Jungen  versetzt und eine lebendige Sprache für seine Abenteuerlust, seine Alltagserlebnisse, für seine Sensibilität und Verletzlichkeit gefunden. In dem Gespräch zwischen Moritz und seiner Mutter, in dem das Buch kulminiert, gelingt es der Autorin, ein Bild von den Nöten und Ängsten von Menschen zu zeichnen, die weder lesen, noch schreiben können. Sie vermittelt den Lesern eine Vorstellung davon, wie hoch die Schamgrenze ist, sich als Analphabet zu outen.

Als seine Mutter Moritz über ihre Lebensumstände und ihren Lebensweg erzählt und wie es dazu kam, dass sie nicht lesen und schreiben kann, spürt man als Leser, wie schwer es ihr fällt, das zu erzählen und wie sie das Erzählen zugleich erleichtert. Hier hat das Buch seine stärksten Passagen. Verena Zeltner lässt keinen Zweifel daran, dass Analphabetismus nicht mit mangelnder Intelligenz und Defiziten in der Persönlichkeitsstruktur einher gehen muss. Moritz, Kalle und Charlie finden Moritz‘ Mutter klasse. Als echte Indianer wollen sie ihr helfen, lesen und schreiben zu lernen. Wird das so einfach werden? Das werden wir hoffentlich im nächsten Buch der Autorin erfahren.    

Verena Zeltner. Ein Indianer weint doch nicht!, Turmhut-Verlag Stockheim 2012, 166 S. – 11,90 €