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20.05.2010

Ein Hauch von fußballerischer Tragödie

von Frank Quilitzsch TLZ

Poesie gegen Ballermann, so die Ansetzung am Dienstagabend in der Jenaer Galerie Kunsthof, die letztmalig in dieser Spielzeit dem Theaterhaus Jena als "Frisch Fleisch Lounge" diente.

Jena. Hier werden in lockerer Folge Buch- und CD-Neuerscheinungen bekannt gemacht und selbstkomponierte Lieder abgesungen. Aus aktuellem Anlass - Kevin Boatengs folgenschweres Foul an Michael Ballack, nationaler Notstand, Angst vor frühzeitigem WM-Aus in Südafrika - stand psychologisches Aufbautraining auf dem Programm. Jenas Theaterhaus-Dramaturgin Christin Bahnert und Projektmanagerin Anke Scheller vom mitveranstaltenden Lese-Zeichen e. V. - beide mit Schal ohne erkennbare Klubzugehörigkeit - scheuten keine Ballberührung. Beherzt griffen sie in die Bücherkiste, wurden bei Oliver Kahn fündig, der einen Straßenfriseur in Südafrika interviewt hat, und gruben Texte der einst von Hans Meyer trainierten Autoren-Nationalmannschaft aus. Musikalische Unterstützung leistete das Gesangsduo Zoe Hutmacher (Hamlet-Darstellerin, Mitglied der Theaterhaus-Damenfußballauswahl) und Oliver Jahn (Rock- und Bühnenmusiker), das Texte der Hausautorin Rebekka Kricheldorf zu Gehör brachte.

"Alles egal", sang Zoe in Latzhose und mit Schiebermütze, was man durchaus auf das Ballack-Trauma beziehen konnte. Bahnert und Scheller verdammten die vom Schock paralysierte deutsche Presse ("Deutschland hinkt") und hielten dagegen: Leichte Bälle zu halten sei einfach, schwierige Bälle zu halten schwierig. Klar, dass die Deutschen es in Südafrika eher mit schwierigen Bällen zu tun bekommen werden. Doch selbst Unmögliches kann gelingen, davon kündete ein Augenzeugenbericht von der legendären 1981er Europapokal-Begegnung FC Carl Zeiss Jena-AS Rom, die nach einer 0:3-Hinspielpleite daheim 4:0 gewonnen wurde. Noch während Anke Scheller las, ging ihr ein Licht auf: "Ich wusste gar nicht, dass Jena mal eine so großartige Fußballmannschaft hatte" - ein Satz, der den älteren Zuhörern Tränen in die Augen trieb.

Tragisch aber war vor allem jenes Missverständnis, dem der Abend seine unvergleichliche Komik verdankte. Der Glaube, dass man Fußball mit poetischen Mitteln beikommen könne, parodierte sich zunehmend selber. Und spätestens, als mit Kieran Joel (Theaterregisseur, Sohn eines englischen Profifußballers) ein Fachmann zum Zuge kam, wurde deutlich, dass mit Katharsis allein kein Blumentopf zu gewinnen ist. Dennoch will Joel kurz vor Toreschluss in Jena noch "Abpfiff. Ein Fußballgeständnis" inszenieren.

Jenas Kunstkicker lassen ohnehin nicht locker und rufen zu einem Solidaritätsturnier auf. Für "Kick & Art", das am 29. Mai auf dem Theatervorplatz veranstaltet wird, haben neben den hauseigenen Damen- und Herrenteams auch das Jenaer Jugendamt und der Lese-Zeichen-Verein gemeldet. Das Einmalige: Die Turnierteilnehmer können mit Hilfe künstlerischer Darbietungen Gegentore wieder wettmachen - frei nach dem Otto-Rehagel-Motto: "Modern spielt, wer gewinnt."

 

27. Mai, 20.45 Uhr, Theaterhaus Jena: "Abpfiff"; 29. Mai, ab 15 Uhr, Theatervorplatz: "Kick & Art"