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25.06.2005

Ein Hauch von China auf Burg Ranis

von mko Ostthüringer Zeitung

Zum Auftakt der Literaturtage werden Deutschland ein paar Probleme prognostiziert

Ranis (OTZ/mko). Die "Drei Chinesen mit dem Kontrabass", die das Trio Harmonie spielte, passten nicht nur. Die Melodie der Jenaer Jazzer sorgte Donnerstagabend auch wieder für Lockerheit im Hof der Burg Ranis, nachdem ein ernüchternder Vortrag von Wolfgang Hirn über die "Herausforderung China" zu hören war. Die Eröffnung der Thüringer Literatur- und Autorentage auf der Burg mit einem Sachbuchautor ist ein Novum und die rund 100 Hörer hatten etwas davon. Sie dürften den ersten Schritt in die Richtung getan haben, die der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Hirn allen ans Herz legt, nämlich der Auseinandersetzung mit dem "chinesischen Zeitalter".

Die Schnelligkeit, mit der sich China entwickele, sei "atemberaubend", so Wolfgang Hirn. "Es gibt nichts Vergleichbares in der Weltgeschichte." China sei "die Fabrik der Welt" mit einem quasi unerschöpflichen Potenzial an billigen Arbeitskräften und kreativen Köpfen. Was in der Volksrepublik ablaufe, bedeute für alle anderen Industrienationen eine "Deindustrialisierung". Deutschland profitiere noch davon, dass China in Größenordnungen deutsche Wertarbeit importiere. Eines Tages aber, und so lange werde das nicht dauern, würden die Chinesen auch Autos genau so gut bauen können wie die Deutschen, nur viel günstiger. "Die Chinesen sind die neuen Japaner", verdeutlichte Wolfgang Hirn. Man sollte sich schon mal an die chinesischen Firmennamen gewöhnen, die gelegentlich in den Fernsehnachrichten vorkommen. Die wirtschaftliche Expansion Chinas gehe aber auch massiv zu Lasten der Umwelt. Und ob die formal kommunistische, autoritäre Regierung des Milliardenvolkes durch die Marktwirtschaft demokratischer werde, sei nicht ausgemacht.

"Was können deutsche Unternehmer China entgegensetzen?", wollte Peter Riess, Produktmanager einer Kahlaer Firma mit China-Exportgeschäft, von Wolfgang Hirn wissen. "Bessere Produkte herstellen", lautete die Antwort. Noch habe Deutschland einen Innovationsvorsprung. Dieser werde aber immer geringer. "Das klingt sehr defätistisch, ich weiß", sagte Wolfgang Hirn. "Eigentlich hat niemand ´ne Lösung." Die sozialen Folgen der prognostizierten Deindustrialisierung wollte er sich nicht ausmalen. "Ich weiß nicht, wo das hinführt", so Wolfgang Hirn. "Ich weiß auch nicht, ob da Hartz VIII oder Hartz X helfen werden."

So werden künftig chinesische Sprachkenntnisse von Vorteil sein. Die Neustädter Gymnasiasten, die sich seit einigen Jahren mit der chinesischen Sprache und Kultur beschäftigen, dürften besser als andere auf das chinesische Zeitalter vorbereitet sein.

Der Gegenwart auf Burg Ranis waren Reden vor und Diskussionen nach der Lesung gewidmet. So war Bürgermeister Andreas Gliesing auf die Bedeutung und die Bemühungen um die Literaturburg eingegangen. Dabei würdigte er u. a. den Beitrag der Pößnecker GGP Media GmbH. "Sehr toll" fand Dr. Christoph Werth, Koordinator der Leseinitiative des Thüringer Kultusministeriums, das Geschehen auf der Burg. Das Steuerzahler-Geld, das in die Literaturtage investiert werde, sei hier - gerade auch mit dem China-Abend - gut angelegt.