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08.11.2002

Ein gutes Klima für die Literatur

von Rita Specht TLZ

Jena. (tlz) Er ist zu Besuch in seiner Heimatstadt Jena und Gast beim 8.
Lesemarathon - Lutz Rathenow. Im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung der FDP
las er in dieser Woche auch in Jenaer Schulen. TLZ-Redakteurin Rita Specht
fragte ihn:

Wie war das an den Orten Ihrer Kindheit?

Es ist schon besonders reizvoll, dort aufzutreten, wo man Schüler war,
hospitierte oder Probeunterricht hatte.

Wie waren die Schüler?

Sehr neugierig, aufmerksam und interessiert an literarischen Fragen und am
Umfeld des Veröffentlichens, besonders die Mädchen. Aber: Sie lassen sich nicht
so leicht in die Karten gucken, was ihre politische Meinung betrifft. Man merkt,
dass die Schüler in Jena Literatur gewöhnt sind und dass es hier Lehrer gibt,
die für Literatur begeistern können - ein gutes Klima für Literatur.

Sie lesen auch an Schulen im Westen. Machen Sie da Unterschiede aus?

Ostdeutsche und westdeutsche Schüler ähneln sich, wenngleich bei westdeutschen
die Sicherheit des sozialen Umfeldes oft erkennbar ist. Man spürt die sozialen
Hintergründe.

Schriftsteller in der Schule, wie kommt das an?

Ich finde gut, dass die Naumann-Stiftung dafür Geld ausgibt. Und ich erlebe oft,
dass dort, wo es interessierte Lehrer gibt, ein aufgeschlossenes Klima für
Literatur herrscht. Für mich ist das politische Bildungsarbeit.

Nehmen Sie selbst Erkenntnisse mit?

Ja. Irgendwie bin ich ja ein Fossil aus der Vergangenheit, das sich noch bewegt.
Ich repräsentiere eine Zeit, die untergegangen ist. Jetzt, wo ich eher weniger
zurückblicke, wollen Schüler immer öfter etwas über die DDR erfahren. Das sagt
mir, dass ich zu wenig darüber erzähle. Und das nehme ich als Ermutigung, an
meinen biografischen Texten weiterzuarbeiten.

Woran arbeiten Sie gegenwärtig?

Ich sitze an Texten teils satirischer Art. Ich verarbeite unter anderem meine
Erlebnisse auf dem Arbeitsamt. Man könnte die Geschichten
Gegenwartsvergewisserungen nennen. Nur die große Weltlage beschreiben, das ist
es nicht. Und die kleinen Dinge langen auch nicht für meine Literatur. Ich
beschreibe gern Situationen der Störung, die Menschen auflösen.

i Lutz Rathenow liest innerhalb des Lesemarathons am Sonnabend, 9. November, im
Foyer der Ernst-Abbe-Bücherei aus neuen Büchern und unveröffentlichter Prosa.
Beginn: 19.30 Uhr. Im Mittelpunkt steht sein Jubiläumsband "Die Fünfzig".