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08.04.2006

Ein Gespräch im TLQ über den abwesenden Herrn Scherzer

von Frank Quilitzsch TLZ

Einer fehlt. Man merkt es bereits auf dem Weg zur Kneipe. Keiner will die Führung übernehmen. Mal geht Lesezeichen-Bruder Martin S. voran, dann wieder trippelt Hans-Jürgen D. an die Spitze, im langen, feinen Mantel, den Landtagskoffer in der Hand. Meister Matthias B. schlurft auf Turnschuhen hinterdrein. Ich halte mich in der Mitte, da ich die Verantwortung trage. Für diesen Text und für die Harmonie im TLQ.
"Wohin denn nun?" nörgelt Matthias B. "Bei Wieland ist dir´s zu laut, Sommer´s haben noch geschlossen, und im Frauentor-Café sind zu viele Touristen. Kannst du dich mal entscheiden?"

Versuchen wir´s bei Eckermann! Irgendwie passt das. Im Hause der Frau von Stein war schon Peter Hacks. Und wir wollen ja auch nicht über Goethe plaudern, sondern über den abwesenden Landolf Scherzer. Der bald Geburtstag hat. Und danach in Rente geht, als erster von uns.

"Tja", seufzt Martin S., als wir im neu eröffneten Eckermann-Restaurant in der Weimarer Brauhausgasse sitzen, "wenn er jetzt hier wäre, würde er seinen Rucksack öffnen, und Äpfel und Thüringer Wurst kämen auf den Tisch."

Hans-Jürgen D.: "Und eine Pulle Rhöntropfen machte die Runde."

Martin S.: "So müssen wir alles bezahlen und außerdem noch über ihn reden ..."

Matthias B. will etwas sagen, leckt sich aber nur über die trockenen Lippen. Ich habe verstanden. Fünf Wodka bitte, rufe ich der Kellnerin zu. Worauf mich alle anblicken. "Kannst wohl nicht zählen?" Von wegen. Sind wir ein Quintett oder sind wir keines?

Es ist das erste Mal, dass das Thüringer Literatur Quintett ohne sein ältestes Gründungsmitglied Landolf Scherzer zusammentritt. Der Abwesende ahnt nichts von unserer Sitzung, doch irgendwie ist er trotzdem dabei. Weil wir über ihn reden. Nur was?

Ratloses Schweigen.

Landolf, sage ich, würde erst mal einen Trinkspruch ausbringen. Auf Russisch. "Doswidanija pod stolom!" schnarrt Hans-Jürgen D. Frei übersetzt heißt das: Auf Wiedersehen unterm Tisch! So weit ist es noch nicht. Doch der Wodka löst die Zunge.

"Wir wissen doch, was wir an ihm haben", beginnt Matthias B. "Er hat eine Art, andere, selbst fremde Leute ins Gespräch hinein zu ziehen. Und hinterher duzen sich alle. Deshalb wurde er auch schon Landolfleben genannt, von unserer verehrten Kollegin Gisela Kraft, was bekanntermaßen ein Ausdruck für Gutsherren ist."

Hans-Jürgen D.: "Eine Gutsherrenart hat er nicht."

Martin S.: "Er hat die Gabe, Leute aufzuschließen und zum Erzählen zu bringen. Indem er auf sie zugeht und in kürzester Zeit ihr Vertrauen gewinnt. Ob sie hinterher immer so glücklich sind mit dem, was sie gesagt haben, ist eine andere Frage ..."

Matthias B.: "Naja, er ist schon ein Taktiker. Anders lassen sich bestimmte Dinge gar nicht eruieren."

Im Unterschied zu seinem Freund Günter Wallraff, werfe ich ein, erkundet er mit offenem Visier. Es gibt nur eine Ausnahme. Erinnert ihr euch, wie er vor vielen Jahren auf einem Hochseefischereischiff anheuerte, ohne seine Schreibabsichten zu verraten? Das Buch "Fänger und Gefangene" bekam dadurch einen anderen Charakter.

Martin S.: "Die Fischer auf dem Schiff haben das nicht gewusst?"

Ein Reporter, den die Neugier treibt

Matthias B.: "Doch, zum Schluss haben sie es gewusst. Aber warum hat er sich auf Fischfang eingelassen? Weil er, wie er an einer Stelle schreibt, mal rauskommen wollte aus dem Land. Weil er ein Mensch mit Fernweh ist."

Martin S.: "Aber er ist ja nicht bloß Mitfahrer gewesen, sondern hat sich der Arbeit unterworfen. Harter Arbeit. Er hat auf dem Schiff die DDR auf engstem Raum kennen gelernt und beschrieben."

Über welches Jahr sprechen wir eigentlich? Matthias B. zieht die Paperback-Ausgabe des Greifenverlags aus der Tasche: "Im Januar 1978 werden außer ihm noch 22 neu eingestellte Landratten in einem fünftägigen Schnellkurs seetauglich gemacht ..." Das 1983 erschienene Buch "Fänger und Gefangene", so stellt sich heraus, war für drei von uns Auslöser der Bekanntschaft mit Landolf Scherzer.

Das war auch seine erste Großreportage, die die DDR-Verhältnisse ungeschminkt abbildete. Davor lag die Exmatrikulation des Journalistik-Studenten Scherzer in Leipzig - aufgrund eines Reportagekurses, den er zusammen mit Klaus Schlesinger und anderen bei Jean Villain absolvierte. Das war 1965, da war er bereits Reporter bei der Neuen Berliner Illustrierten. Dann kam das berüchtigte 11. Plenum, und der wegen seiner kritisch-analytischen Intentionen Gemaßregelte wurde zur "Bewährung" zum Freien Wort in Suhl versetzt.

Matthias B.: "Er ist mit dieser Geschichte nie tingeln gegangen. Andere würden sich heute damit rühmen, in der DDR ,politisch verfolgt´ worden zu sein."

Martin S.: "Interessant ist, wie ungenügend bestimmte Leute, die vom ,Partei-Apologeten´ Scherzer schreiben, recherchieren und solche Stationen aus seinem Leben völlig außer Acht lassen, aus Unwissenheit oder sogar wissentlich, beides ist gleichermaßen unakzeptabel."

Landolf Scherzer hat noch nie Aufhebens von seiner Person gemacht. Er schreibt nie vordergründig über sich. Aber er recherchiert immer mit Adresse und Hausnummer.

Matthias B.: "Mir hat er mal gesagt, er schreibt deswegen keine erfundenen Geschichten, weil die Geschichten, die er in der Wirklichkeit findet, viel interessanter sind als die, die er sich ausdenken könne."

Weicht er seinen Konflikten dadurch aus?

Nachdenkliche Stille.

Martin S.: "Er ist ein Reporter, der nie unpersönlich und niemals allwissend auftritt. Er bringt sich schon in die Vorgänge ein ..."

Hans-Jürgen D.: "Als Fragender, Suchender."

Aber er ist sich nicht selber Stoff, er reflektiert nicht die eigenen Brüche im Leben, indirekt höchstens. Dabei hat er eine spannende Biografie!

Martin S.: "Das weiß ich nicht."

Matthias B.: "Also im ,Grenz-Gänger´ kommt so was wenig vor. In seinen Büchern ,Der Zweite´ und ,Der Letzte´ reflektiert er durchaus über die eigene Verstrickung mit der Macht. Nicht auf persönlicher Ebene, das stimmt."

Jeder Mensch verdrängt etwas. Vielleicht, schlage ich vor, sollten wir mal seine Gedichte analysieren.

Hans-Jürgen D.: "Was für Gedichte?"

Martin S.: "Liebesgedichte."

Hans-Jürgen D.: "Lasst mal hören!"

Matthias B.: "Hier muss ich aber mal als Zensor einschreiten. Die sind nicht für die Öffentlichkeit!"

Hans-Jürgen D.: "Weil wir gerade bei Gedichten sind, ich habe ihm eins gewidmet." Liest: "Für Landolf // In diesen windigen Zeiten / ausbrechen aus den Grimassen / und der Gymnastik // selber am Tisch sitzen / dieser kleine Schritt / zwischen Herr und Knecht // und doch verwelken / in der Seele deines Gartens / unsere Utopien."

Alle: "Na sdorowije!"

Er ist verführbar durch die Liebe

Martin S.: "Nehmen wir doch mal das Wort ,Utopie´. Er ist einer, der immer die Hoffnung aufrecht hält, dass es in der Gesellschaft gerechter zugehen kann, als es zurzeit zugeht. Und er ist einer, der immer auf der Seite der Benachteiligten steht und eine Gesellschaft danach beurteilt, wie sie mit diesen Menschen umgeht. Deren Sorgen und Nöte sind ihm näher. Ich erinnere nur an seinen Band ,Mitleid ist umsonst, Neid musst du dir erarbeiten´. Hingegen war die Reportage ,Der Zweite´ über den CDU-Landrat Baldus eine ganz andere Herausforderung für ihn gewesen."

Habt ihr mal darüber nachgedacht, wo seine Schwächen als Reporter liegen? Er ist verführbar. Nicht von Geld oder Macht, sondern durch die Liebe und seinen Glauben an das Gute im Menschen.

Hans-Jürgen D.: "Das ist mir sympathisch."

Noch eine Schwäche, die zugleich ein großer Vorzug ist: Er ist spontan.

Martin S.: "Ich finde es gut, dass er sich solidarisiert. Ob mit der Philharmonie in Suhl oder mit den Kumpeln in Bischofferode. Das ist kein Reklame-Akt, sondern ehrliches Mitgefühl. Da fährt er dann auch später wieder hin und fragt nach, was aus den Menschen geworden ist."

Und er hält Kontakt zu ganz jungen Leuten, macht Kommunalpolitik - nicht als PDS-Mitglied, wie irrtümlich behauptet wird, sondern mit der Wählerinitiative "Aktiv für Suhl". Das sind vorwiegend Leute zwischen zwanzig und dreißig, die noch Kinder waren, als die Mauer fiel.

Hans-Jürgen D.: "Da merkt er aber auch, dass die Mühen der Ebene andere sind als die im Kopf."

Auf meine Frage nach seinen stärksten Büchern wird neben "Fänger und Gefangene" sein Mocambique-Buch "Das Camp von Matundo" genannt. In beiden Fällen war der Autor nicht nur Beobachter, sondern Mittäter. Es folgen die Politiker-Porträts "Der Erste" und "Der Zweite".

Martin S.: "Ich habe auch was mitgebracht. Die Kopie eines Protestschreibens der Leitung der Betriebsparteiorganisation des VEB Kraftwerke Lübbenau-Vetschau zu der Reportage ,Wie weiß wird der Spreewald wieder?´ aus dem Buch ,Spreewaldfahrten´ von Landolf Scherzer aus dem Jahr 1975." Liest:

"In keinem Fall trägt die Abhandlung dazu bei, einprägsam auf das Leben der Menschen zu wirken (abgesehen im negativen Sinne), sozialistische Überzeugungen, Lebenseinstellungen und -beziehungen sowie den Sinn für Schönheit und die Ideale der Arbeiterklasse zu formen ... Im Namen unseres Betriebskollektivs fordern wir, daß diejenigen, die für die erste Auflage verantwortlich zeichneten, wegen ihrer politischen Blindheit zur Rechenschaft gezogen werden und eine zweite Auflage verhindert wird.´"

Darauf bestelle ich noch fünf doppelte Wodka. Mit 65 fängt das Wanderleben erst richtig an. Dürfen wir, frage ich in die Runde, Scherzers neues Vorhaben schon verraten? Nein? Gut, dann jeder nur ein Wort.

Martin S.: "Ich sage Rucksack."

Matthias B.: "Eichsfeld."

Hans-Jürgen D.: "Papst."

Alle: "Halleluja!"

ZUR PERSON

Das Wort "Bestseller" wird ihm nicht gefallen. Doch als "Grenz-Gänger" hat er gerade wieder einen verfasst; das Buch über deutsch-deutsches Befinden entlang der ehemaligen Grenze wird viel gelesen und erhitzt die Gemüter. Spreewaldfahrer, Seemann, Taigajäger, Entwicklungshelfer, Landtagsreporter, Gratwanderer - Landolf Scherzer, 1941 in Dresden geboren, seit 1965 in Thüringen ansässig, ist so vieles und bleibt doch immer seinem Credo treu: "Wenn du soziale Reportagen schreibst, musst du auch so etwas wie ein soziales Engagement leben."

Scherzer hat in Bad Salzungen den letzten Kreissekretär (SED) und den ersten Landrat (CDU) begleitet, er war während der Perestroika in der Sowjetunion und während des Bürgerkrieges in Mocambique. Demnächst schnürt er wieder die Wanderstiefel. Doch vorher, am 14. April, wird er 65. Die Mitstreiter vom Thüringer Literatur Quintett (TLQ) gratulieren.