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28.06.2006

Ein Freund fürs ganze Leben

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) In drei Romanen hat sie dem deutschen Romantiker Friedrich von Hardenberg (Novalis) ein literarisches Denkmal gesetzt. Sie veröffentlichte Lyrikbände, Erzählungen, Essays und trat mit Nachdichtungen aus dem Türkischen hervor. Gisela Kraft, geboren am 28. Juni 1936 in Berlin, hat an der Freien Universität Islamwissenschaft studiert und über türkische Poesie promoviert. 1984 kam sie in die DDR, wo sie als freie Autorin und Übersetzerin arbeitete. Sie ist Mitglied des Präsidiums des PEN-Zentrums Deutschlands. Zu ihrem 70. Geburtstag erscheinen der Roman "Planet Novalis" (Verlag Faber & Faber, Leipzig, 192 S., 16 Euro) und die Gedichtauswahl "Aus Mutter Tonantzins Kochbuch" (quartus-Verlag, 64 S., mit Typografiken v. U. Panndorf, 14.90 Euro).

Glückwunsch! Ein Geschenk liegt schon auf dem Tisch - das Bändchen mit einer Auswahl deiner Gedichte.

Ja, eine wunderschöne Ausgabe. Ich freue mich besonders über die ungewöhnliche Initiative; dass Freunde und Kollegen eine Buchveröffentlichung ermöglichen, habe ich noch nicht erlebt.

Dieser Tage erscheint auch bei Faber & Faber der dritte Band deiner Novalis-Trilogie. Damit schließt sich ein weiter erzählerischer Bogen.

Mit dem Roman-Projekt habe ich vor 21 Jahren begonnen. Damals, als ich frisch in der DDR eingetroffen war, habe ich sogleich angefangen, auf Novalis´ Spuren zu reisen und zu wandern.

Du bist promovierte Islam-Wissenschaftlerin. Wie tritt plötzlich ein deutscher Romantiker in dein Leben?

Schon vor Beginn meines Studiums habe ich in Stuttgart Vorträge über Novalis gehalten. Er ist sozusagen ein guter alter Freund. Kein Geliebter. Verlieben würde ich mich nicht in ihn.

Warum nicht?

Dann hätte ich vielleicht gar nicht schreiben können. Novalis ist mir zu hektisch. Und er ist ein großer Absager, das kann ich gar nicht leiden. Er sagt immer, er kommt, und dann kommt er nicht. Darunter hat schon seine kleine Braut gelitten, später wahrscheinlich auch die zweite. Aber er ist eine faszinierend komplexe Person, deshalb nenne ich ihn auch "Planet". Eigentlich hätte ich schreiben müssen "Sieben Planeten", weil er so vielseitig ist.

Was schätzt du an deinem Freund Novalis?

Seine Intelligenz, die geniale Leichtigkeit und die Fantasie. Auf der anderen Seite war er praktisch veranlagt; Novalis hat Salzpfannen entworfen und während seiner Ausbildung im Bergwerk gearbeitet. Er hat völlig auf der Erde gestanden, hatte jedoch diesen geistigen Spannungsbogen bis in kühnste Theorien.

Also kein Träumer?

Kein Träumer. Aber geträumt hat er trotzdem. Er hat herüber gereicht ins 19. Jahrhundert, weil er etwas vorweggenommen hat, was sich wissenschaftlich und philosophisch erst später erfüllt hat.

Du sagtest, Novalis beschäftige dich seit 21 Jahren ...

Länger. So lange beschäftige ich mich mit diesem Projekt.

Du schreibst keine Biografie, sondern näherst dich ihm in jedem Buch auf andere Weise. Sind das aus deiner Sicht historische Romane?

Sie sind insofern historisch, als ich so genau wie nur möglich recherchiert habe. Vielleicht stellen sich Irrtümer heraus, weil man später noch irgendetwas findet. Ich habe mir ganz selten Freiheiten erlaubt. Erfunden habe ich eigentlich nur den Inhalt der Gespräche.

Die Sprechweise der Personen ist wiederum angelehnt an die damalige Zeit.

Deshalb hat es so lange gedauert: Ich wollte eine Sprache, die ihm gemäß ist und die trotzdem in unsere Zeit passt. Ich wollte keine altertümliche Sprache.

Worin unterscheiden sich die drei Romane inhaltlich?

Der "Prolog zu Novalis" heißt so, weil Friedrich von Hardenberg damals das Pseudonym Novalis noch nicht hatte. Er beschreibt im persönlichen Rückblick die Liebesgeschichte mit Sophie und die Lebenskrise, die durch den Tod von Sophie und den fast gleichzeitigen Tod seines Lieblingsbruders Erasmus auf ihn zu kam. Der zweite Band, "Madonnensuite", erzählt von den Romantikertreffen in Dresden, Jena und - ein kleineres - in Weimar mit Jean Paul und Ludwig Tieck. Das letzte Kapitel habe ich 1997 beendet, als ich schon in Weimar wohnte.

Wusstest du damals schon, dass die Trilogie mit "Planet Novalis" enden würde?

Ich wollte ursprünglich den zweiten Band "Paradies" nennen. Das ist der Name des Jenaer Parks, wo die wichtigsten Gespräche stattgefunden haben. Es ist aber auch die Utopie, die die Romantikerfreunde hatten. Aber dann wurde mir untersagt, das Wort Paradies zu benutzen, weil gerade ein Liebes- oder Scheidungsroman mit diesem Titel erschienen war. Damit starb auch der Titel für mein drittes Buch, "Erde", der passte nun nicht mehr zu "Madonnensuite". Novalis ist einer, der mit seinen Fähigkeiten die Erde umspannt, soweit das damals möglich war, er hat in die Tiefe und in die Höhe gearbeitet. "Planet Novalis" meint unseren Globus, meint aber auch in einem älteren Sinne die Erde, in der sich die sieben Planeten spiegeln. Es gibt bei mir auch sieben Kapitel.

In "Planet Novalis" stirbt der Held. Ist das der Abschluss deines Projektes?

Ja. Die Handlung reicht vom 25. März 1799 bis zum 25. März 1801, das ist das Todesdatum. Allerdings lasse ich Novalis noch seine eigene Beerdigung wahrnehmen. Es ist ein romantischer Roman; es gibt innere Monologe, Gedichte und dramolettartige Szenen, wo die Namen vor der direkten Rede stehen, und es gibt das ganz kontinuierlich erzählte Sterbekapitel in Weißenfels.

Du hast zwischendurch immer auch andere Sachen geschrieben, aus dem Türkischen nachgedichtet, mehrere eigene Gedichtbände veröffentlicht. Es gibt eine Erzählung über deine Kindheitserlebnisse in Weimar und über deine Liebe zu einem chinesischen Schlangenfreund. Ein spannendes Moment deiner Biografie ist bis heute unberührt: Du bist 1984 von Westberlin in die DDR übergesiedelt. Warum?

Das hat auch, wenngleich nicht ausschließlich, mit Novalis zu tun. Ich hatte den Plan, aus der Landschaft heraus über ihn zu schreiben, und dazu musste ich hier sein. Ich war Single und hatte keine Kinder, ich hatte also nur Verantwortung für mich selbst. Der Anlass war aber ein anderer. Ich habe auf einer Dichtertagung DDR-Autoren kennengelernt, die mir gesagt haben, dass in der DDR niemand türkische Poesie aus dem Original übertragen kann. Und ich hatte gerade einen großen Kummer: Meine Übersetzung eines lyrischen Epos´ von Nazim Hikmet war im Westen verboten worden. Und in der DDR wurde sie gedruckt. Das konnte man kaum glauben. Da bin ich sozusagen mit meinem Nazim Hikmet gekommen, nicht mit Novalis, sondern mit einem Türken. Dadurch haben sich Verlagskontakte ergeben, die waren für mich beglückend. Ich habe einen Lektor im Aufbau-Verlag gehabt, Horst Lothar Theweleit, einen Mann von Rückertscher Sprachbegabung. Er konnte Arabisch, Türkisch, romanische Sprachen und war auch im Deutschen fantastisch. Von ihm habe ich sehr viel gelernt.

Das war für dich eine Insel, auf der du produktiv sein konntest. Aber du hast sicherlich gemerkt, dass ringsum ein Exodus der Künstler stattfand - von Ost nach West.

Das habe ich auch verstanden. Ich habe nie die DDR verklärt. Und ich habe auch nicht den Westen verklärt. Ich habe aber Kontakt zu Dichtern in der DDR gehabt, die nicht weggegangen sind und die ich sehr verehrt habe.

Wirst du darüber schreiben?

Ja. Mein nächster Buchplan sind deutsch-deutsche Erinnerungen: "Mein Land, ein anderes". Vielleicht auch mit Rückgriffen auf die Kindheit. Ich glaube, ich wäre vielleicht nicht in die DDR und später nach Mitteldeutschland gekommen, wenn es nicht diese emotionale Verwurzelung gegeben hätte. Meine Großmutter und meine Tante haben in Weimar gelebt, und ich bin als Kind hier gewesen.

Lyrikerinnen mit 70 haben noch Träume. Welche?

Die Lyrik noch reifer zu machen. Und das Leben in vollen Zügen weiter zu leben.

! Buchpremiere "Planet Novalis": 4. Juli, 18 Uhr, Goethe-Nationalmuseum Weimar