Presse - Details

 
28.06.2006

Ein Derwisch auf dem Diwan

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Die Weimarer Schriftstellerin Gisela Kraft feiert heute ihren 70. Geburtstag

Von Annerose Kirchner Ein Herr aus Bayreuth hat sich jüngst bei ihr gemeldet, besorgt um den Zustand des Pflastersteins für Jean Paul auf dem Weimarer Marktplatz. Gisela Kraft freut sich, dass der nette Spender aus Franken nun für die Schrifterneuerung und Reinigung dieses Gedächtnisortes aufkommen will, den sie angeregt hat. Gisela Kraft und Jean Paul, das ist nur eine von den zahlreichen Herzlieben der Schriftstellerin, die in vielen Welten zu Hause ist, aber am liebsten ihr Wohnquartier über der Weimarer Teichgasse aufsucht. Unbehauste und Verfolgte sind Gefährten und Seelenverwandte: Mensch und Tier, Katze und Derwisch, Prinz und Python, in Versen anverwandelt.
Gisela Kraft, die heute ihren 70. Geburtstag feiert, lässt das Alter außen vor. Man merkt es ihr nicht an, wenn sie das dichte blonde Haar schüttelt und bedächtig die Gedichtkladden aufschlägt. Über 20 Bücher, Lyrik, Erzählungen und Romane, hat die Islamwissenschaftlerin veröffentlicht und türkische Poesie von Fazil Hüsnü Daglarca, Nazim Hikmet oder Aras Ören nachgedichtet. Ihr Stammplatz ist der West-Östliche Diwan, Seite an Seite mit Katzendame "Sophia", auch "Söffchen" genannt. Die betagte Mau wird die Ruhe genießen, wenn Gisela Kraft heute außerhalb von Weimar mit engsten Freunden zusammen sitzt.

Die gebürtige Berlinerin zog 1984 vom Westen in den Osten und kam beim Aufbau-Verlag unter, der ihren Gedichtband "Katze und Derwisch" ein Jahr später veröffentlichte. Dieser Wechsel wird ihr des Öfteren kritisch vorgehalten, aber er war nötig für neue Wege, die schließlich 1997 nach Weimar führten, in die Klassikerstadt. In deren Nähe hatte das Mädchen Gisela im Februar 1945 das Kriegsende erlebt. Darüber schrieb sie ihr wohl persönlichsten Buch "Rundgesang am Neujahrsmorgen", eine Familienchronik, die einen Zeitbogen bis ins Jahr 1950 schlägt.

Eine Institution will sie nicht sein, obwohl sie sich kräftig einmischt ins kulturelle Geschehen, als Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland oder ehemalige Vertreterin im Writers-for-Peace-Komitee des Internationalen PEN. Feiningers Gelmeroda ist ihr genauso vertraut wie Tennstedt und Grüningen, wo sie auf Spuren des Frühromantikers Friedrich von Hardenberg seit Jahren recherchiert.

Als Geburtstagsgeschenk legt sie den letzten Band ihrer Romantiker-Trilogie "Planet Novalis" (Faber & Faber, Leipzig) auf den Gabentisch, dazu Gedichte "Aus Mutter Tonantzins Kochbuch" - liebste Verse als kleine bibliophile Kostbarkeit, erschienen in der Edition Ornament im Quartus-Verlag.

Im Nachwort schreibt Herausgeber Jens-Fietje Dwars über die Jubilarin: "Mit ungestillter Neugier zieht es sie noch immer ins Offene, holt sie sich ein Stück Welt in die Teichgasse, verpackt sie in ihre Verse und schickt sie hinaus - widerborstig, wagemutig und verspielt wie streunende Katzenjungen." Möge das noch lange so bleiben!