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21.06.2008

Ein bisschen glücklich sein

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Trotz Fußball-EM: 100 Besucher bei Israel-Projekt, 150 bei Schorlemmer auf Burg Ranis

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. "Alle sind für eine Umgehungsstraße", griff Friedrich Schorlemmer ein Beispiel aus dem prallen Leben auf. Keiner wolle sie aber vor seiner Haustür haben. "Es kann aber nur eine Nord- oder eine Südumgehung geben oder keine", fasste er zusammen. Dass eine so einfache Lösung wochenlang diskutiert werden müsse, kann er nicht nachvollziehen.
Die Ortsumgehung für Pößneck, Krölpa und Rockendorf meinte der evangelische Theologe bei seinem Vortrag am Donnerstag auf Burg Ranis nicht. Aber seine Empfehlung lautet, irgendwann auch in schwierigen Fragen loszulassen. "Lass es gut sein", heißt sein jüngstes Buch, und die Vorstellung des Bandes am ersten Abend der diesjährigen und elften Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis wurde passend mit dem Beatles-Song "Let It Be" eingeleitet. Dabei gehört Schorlemmer, wie er einräumte, zu jenen Leuten, die es eher selten gut sein lassen können.

Nicht nur beim Beispiel mit der Ortsumgehung hatte Schorlemmer die Lacher der beachtlichen 150 Hörer im Saal des Südflügels - zur selben Zeit lief Deutschland gegen Portugal im Fernsehen - auf seiner Seite. Allerdings ist nicht Unterhaltung sein Beruf. Er will vielmehr wirksam wachrütteln, das Bewusstsein für beide Seiten der Medaille schärfen, zu einem "gelingenden Leben" ermutigen, ein Ziel, dass er auch im Untertitel seines Buches dokumentiert.

"Der liebe Gott möchte, dass wir jetzt schon ein bisschen glücklich sind", so der streitbare evangelische Theologe aus Wittenberg. "Martin Luther hat sich an den Gaben der Schöpfung gefreut", führte er ins Felde. Engagierte Menschen sollten bei Forelle blau mal nicht über Fischsterben reden, empfahl er, und engagierte Frauen sich abends sagen: "Jetzt ist mein Mann dran!" Denn: "Nichts ist schlimmer, als unglückliche Glücksbringer."

Mehrere Male wurde Schorlemmer von bejahendem Beifall unterbrochen, auch bei diesem Satz: "Wir sollten über das glücklich sein, was wir können, oder noch können." Das Publikum schien eine Bestätigung dafür zu brauchen, dass man sich für einfache Wahrheiten nicht schämen muss. Seinen Hörern immer wieder aus dem Herzen sprach Schorlemmer mit seinen Ausführungen über Ost-West-Verhältnisse, über die "erhoffte, erlittene, verlorene DDR", über die notwendigen "Relationen zwischen dem Nazismus und der Mauer bauenden DDR". Der DDR-Bürgerrechtler schloss seine einseinviertelstündige Lesung mit den Worten: "DDR ist nicht nur Mielke, sondern auch fünf Bände Schiller, gebunden, für 25 Ost-Mark".

Die 20 Bände Schorlemmer am Stand der Pößnecker Buchhandlung Arthur Müller reichten dann bei weitem nicht. Und während er im Burghof und im Stehen "Lass es gut sein" signierte, redete der Autor mit seinen Lesern mehr oder weniger nach diesem Motto noch lange weiter über die DDR. Dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt 2:1 führte, war praktisch Nebensache.

Vor dem Fernseher saßen zu diesem Zeitpunkt allerdings mehrere Gäste der Literaturtage-Eröffnung mit der Vernissage des künstlerischen Projektes "Israel - Zwischen Erinnerung und Zukunft", die immerhin 100 Besucher in den Südflügel der Burg gelockt hatte. Der Begriff Ausstellung greift etwas zu kurz für das Ergebnis der Zusammenarbeit von thüringischen Schriftstellern und Künstlern, eines Komponisten, einer Historikerin, eines Verlegers. Die meisten der elf Mitwirkenden an diesem Projekt waren am Donnerstag zu hören oder ließen ihre Arbeiten sprechen. Die Israel-Reisenden waren vor allem von der "Vielzahl der Gegensätze" in dem Land überrascht, wie es der Maler Axel Bertram bekannte.

Der Zwiespalt war am besten in den Werken des Komponisten Albrecht Berner nachvollziehbar, etwa in jener ausdrucksstarken Toncollage, in der er Opernarien, Muezzinrufe und Funkstörungen verdichtete. Sein Vater Andreas Berner fing die Spannung des israelischen Alltags indes fotografisch ein. Nancy Hünger packte die "anstrengenden Kontraste" und "wohltuende Unschärfen" des Nahoststaates in leichtfüßge Verse. Und Jörg Dietrich, in Ranis auch als York Sauerbier bekannt, empfand Israel in seiner Prosa mitunter als "Land, das auf dem Bauch liegt". In ihrem Essay "Gepäckstücke" ging die Historikerin Jeanette van Laak u. a. der Angst, der Neugier und der Skepsis nach, die mit dem Land verbunden werden.

Am Donnerstag wurde nur "ein winziger Ausschnitt" der künstlerischen und schriftstellerischen Israel-Auseinandersetzungen präsentiert, hatte Matthias Biskupek schon in seiner Einleitung gewarnt. Das gesamte Projekt will Verleger Helge Pfannenschmidt bis Ende des Jahres auf einer CD herausbringen. Die Malereien und Fotografien und auch ein Film sind noch bis morgen auf der Burg zu sehen. Dort ist Literatur in verschiedenen Facetten heute ab 14 Uhr und morgen ab 15 Uhr zu erleben.