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10.06.2008

Ein Bänkelsänger des Widerstands

von Wolfgang Hirsch TLZ

Hamburg. (tlz) Das Erscheinen seines letzten Gedichtbandes hat er gerade noch erleben dürfen. So muss man dieses "Paradiesvogelschiß" betitelte Büchlein, was sein Autor beim Schreiben schon wusste, nun als Vermächtnis lesen, denn am Sonntag ist Peter Rühmkorf, der tapfere, wunderbar ironische Dichter und aufmüpfig-kluge Essayist, nach langer Krankheit gestorben.
Rühmkorf zählt zu den Dienstältesten seiner Zunft - anno 1959 erschien sein Erstling "Irdisches Vergnügen in g" - und heute erkennen wir ihn als einen Letzten aus einer untergegangenen Epoche: als man noch wusste, was "Littérature engagée" heißt, als Schriftsteller mit stilettspitzen Versen um Politisches stritten, sich einmischten - und ernste, sogar gebildete Zuhörer und Leser fanden, ergo auch angefeindet wurden.

Früher, in einer anderen Zeit. Zuletzt dichtete der verhinderte Lehrer: "Einfach werden radikal/ Kompliziert, das war einmal. Weil Subtilität/ kaum ein Leser noch versteht." Als ihn dazu im letzten großen Interview die "Zeit"-Feuilletonisten fragten "Werden die Leute wirklich dümmer?", antwortete er ohne Zögern, ohne Arg: "Selbstverständlich!" Weil niemand mehr Gedichte liest. Oder sie gar, etwa in der Schule, lernt.

Angesichts dieses Zeitenwandels, in fortschreitender Dämmerung, zog Rühmkorf sich mehr und mehr zurück aus der Welt, aufs Eigene und brödlerisch Kauzige, lebte und dichtete weiter in seiner Lauenburgischen Wahlheimat. Milder geworden und abschiedsgewiss, focht er, von schalkhafter Gelassenheit kündend, die letzten (selbst-) ironischen Finten gegen die Unbill des 78-jährigen Alters und die des zynischen, bleichen Gevatters, der ihn, unter Einschränkungen, immerhin noch zappeln ließ: "Die große Soloarie ausgesungen./ Die Spucke quillt./ Bekleckerungen." Trotz alledem, macht Rühmkorf sich, uns Mut: "Grad heute mich wieder mal aufgerafft/ und gleich ein Totentänzchen geschafft!"

Wie bescheiden. Es gab eine andere Zeit, als der gebürtige Dortmunder mit Verve wider den Stachel des bleiernen, westdeutschen Konservativismus löckte, in "Gegenwartsbefund, Gesellschaftszustand" seine Unzufriedenheit mit dem zum Ist verkürzten Sein voll jerichohafter Inbrunst aus Stirnlappen und Lungenflügeln herausposaunte. Als er sich bitter parodistisch auf Altvordere stützte und stürzte, gleich mit dem Debüt das "Irdische Vergnügen in Gott" von Brockes - wer kennt den schon noch? - den Herrn zum "g" diminuierte. Seinerzeit, in der Tat, baute Rühmkorf subtil, anspielungsreich auf geschulte Leser, die ihren Kanon gelernt und das altsprachlich Überkommene gepaukt hatten. Sic transit ...

Der in Aufklärung engagierte Dichter wehrte sich gegen die Voltairesche Euphorik, denn die beste aller denkbaren Welten galt es nach seinem Dafürhalten erst zu erstreiten. Virtuos montierte er Banales, Derb-Erotisches und Umgangssprachliches mit hehren Romantikgefühlsüberschwängen - mitunter gewählt schnoddrigen Tons - zu utopiebeharrenden, apokalypsegewissen Warnungen, Appellen. Stilsicher, ein Meister der Form war er stets, Ludwig Börne vielleicht, Boris Vian seine geistigen Väter. Rühmkorf, ein Gaukler und Prophet, Bänkelsänger des dröhnend leisen, zeitweilig laut erstickenden Widerstandes. Ein sinnliches Filou und anarchischer Dialektiker.

"Hab viele Schlachten, aber nie meine Identität verloren. Wußte vermutlich auch nie so recht, was das eigentlich ist", meinte er 1972 im autobigraphischen Rückblick "Die Jahre die ihr kennt". So einer passt nirgends, schon gar nicht in eine Schublade. Nun, in den aus dem Zettelkasten geschüttelten, letzten Gedichten schwant ihm: "... und zitiert aus meinen Reden/ ein gutes Wort für alles und jeden." Wie erreicht der Protest durch gottschalkgummibärenverkleisterten Hirnwindungen nur heutzutage den kognitiven Apparat?

Peter Rühmkorf, am 25. Oktober 1929 geboren, entging dem Kriegsdienst qua Simulation, studierte in Hamburg unvollendet Pädagogik, Kunstgeschichte, Germanistik und Psychologie, durchreiste China und arbeitete dann 1958-1964 als Lektor bei Rowohlt. Anschließend wurde er freier Schriftsteller, von einigen Poetik-Dozenturen in den USA, in England und Deutschland abgesehen. Unter den zahllosen Ehrungen waren der Georg-Büchner-Preis (1993) und Bremer Literaturpreis die wichtigsten, der Arno-Schmidt- und Erich-Kästner-Preis die treffendsten. Die Nachricht vom Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor erhielt er passenderweise auf dem Sterbebett.

Was bleibt? Vielleicht ein persönlicher Rat: "Das ist der richtige Lebensernst: Daß du bei der Liebe das Lachen lernst."

i Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß. Gedichte. Rowohlt Verlag, Reinbek, 143 S., 19.90 Euro