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01.02.2005

Ein Autor, der sich immer noch einmischt

von Carola Scherzer Meininger Tageblatt

Heinrich-Böll-Nacht brachte einen kompromisslosen Schriftsteller nahe

Meiningen. Nach Ausstellungen, Lesungen und einer Filmvorführung bot die Heinrich-Böll-Nacht am vergangenen Freitag in der Meininger Stadt- und Kreisbibliothek mit Texten, Klängen sowie Film- und Tondokumenten noch einmal ein Kompaktprogramm zum Leben und Werk des Schriftstellers.

Es war ein anregender Abend, der kurz vor Mitternacht endete. Einer, der nicht nur Geistiges, sondern auch Musikalisches und Geselliges bot. Mit Flötenklängen lockerten Luisa-Theres Heinrich, Juliane Ketzer, Anne Köhn, Johanna Rücker und Stefanie Unger von der Musikschule das ?textlastige? Programm auf. Zudem stellte das ?Schlundhaus?-Team einen kleinen Imbiss und Getränke bereit. In der Pause gab?s Gelegenheit zum Schmausen und Plaudern über Böll und die Welt. Der recht große Kreis der Meininger Böll-Freunde war dank der Böll-Stiftung, die die Veranstaltung organisierte und finanzierte, gut gestimmt.

Werden und Sein

Was natürlich vor allem an der prägnanten Textauswahl, die unter dem Motto ?Gib Alarm, wenn die Spatzen Sturzflug üben? vorgestellt wurde, lag. Der Literaturwissenschaftler Dr. Martin Straub und der Philologe Martin Stiebert ? beide aus Jena ? griffen in ihrer Collage auf Werke und Äußerungen zurück, die das Werden und Sein dieses Schriftstellers markieren. Angefangen von ersten Erzählungen wie ?Es wird etwas geschehen? (1954) über ?Ansichten eines Clowns? (1963) bis hin zum ?Gruppenbild mit Dame? (1971).

Wobei sie sich nicht nur auf das Lesen beschränkten, sondern zum Entstehen der Texte interessante Hintergrundinformationen nannten. Etwa zu den ?Ansichten eines Clowns?. Böll hatte in dieser Erzählung eigens ein Kapitel über einen Besuch in Erfurt und die Begegnung mit Funktionären des Parteiapparats und Oberhäuptern der katholischen Kirche eingebaut. Mit seinem entlarvenden Bild über die bürokratischen Zustände wollte Böll ? wie er damals äußerte ? die Herausgabe seines Buches in der DDR verhindern. Was ? übrigens nicht nur mit diesem Buch ? auch geschah.

?Politische Dentologie?

Wobei Böll als politischer Schriftsteller nicht nur der DDR widerstand. So schildert er im ?Irischen Tagebuch? nicht nur seine Eindrücke über ein schönes Land, in dem er sein Refugium fand. Satirisch berichtet er auch über eine ?politische Dentologie?, mit der er seinem irischen Freund, einem Hitler-Verehrer, den Zahn endgültig zieht.

Als Antwort auf die Stationierung der amerikanischen Atomraketen im Jahr 1984 schrieb Böll den Aufsatz ?Steht uns bei, Ihr Heiligen!?, in dem er den Widerstand, der jedem Menschen von Geburt an mitgegeben ist, als Pflicht anmahnt (der Aufsatz gab der noch bis zum 13. Februar gezeigten Ausstellung in der galerie ada das Thema).

Gegen den Nobelpreis

Zum ?Gruppenbild mit Dame?, jenem Roman, für den Böll 1972 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, kam der Schriftsteller per Video und Ton selbst zu Wort. Dass er in seinem Roman über den Krieg eine Frau zur Hauptfigur gemacht hatte und nicht die Männer, die in Uniform für Ehre und Orden in den Kampf zogen, stieß in der damaligen BRD auf heftige Kritik. So kommentierte die WELT, dass die Nobelpreis-Kommission mit ihrer Wahl einen Fehlgriff getan hätte.

Noch schärfer waren die Vorwürfe zu seinem Roman ?Die verlorene Ehre der Katharina Blum?. Er sympathisiere mit den Terroristen, hieß es nach dessen Erscheinen. Böll widersprach, er habe sich nie mit dem Terrorismus identifiziert und es sei überhaupt pervers, dass er sich zu diesem Thema verteidigen müsse. Wie aktuell dieser Roman gerade in heutiger Zeit ist, wurde zur darauf folgenden Lesung dieses Textes mit Friederike und Oliver Nedelmann vom ehemaligen ?burgtheater eisenach? sowie Barbara Schmidt und Sina Solaß deutlich. Ein Vortrag, der berührte und die gesellschaftlichen Wirkungsmechanismen, wie sie heute noch genauso funktionieren, klar vor Augen führte.

Widerstand bleibt aktuell

So wurde noch einmal deutlich, was Böll unter dem Widerstand, den er immer wieder in seinen Texten einforderte, verstand. Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist Heinrich Böll ein Autor, der sich mit seiner Literatur einmischt. So er denn gelesen wird ?

Gerade in dieser Hinsicht boten die ersten Heinrich-Böll-Tage in Meiningen viele Anregungen. Als letzte Veranstaltung läuft am kommenden Mittwoch um 19.30 Uhr der Film ?Ansichten eines Clowns? in der galerie ada.
Insgesamt sechs Veranstaltungen standen seit dem 7. Januar auf dem Programm. Ein Glücksfall für Meiningen, dass die Böll-Stiftung Thüringen ihre sechsten Heinrich-Böll-Tage in die Kulturstadt brachte und damit für Bereicherung in Zeiten knapper Kassen sorgte. Die Veranstaltungen fanden ? abgesehen von wenigen Ausnahmen ? gute Resonanz. Wobei im Publikum vor allem die älteren Jahrgänge vertreten waren. Jugendliche wurden kaum erreicht. Eine Aufgabe für künftige Böll-Tage.