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30.01.2009

Eigenwilliger Beitrag zur deutschen Einheit

von Udo Scheer TLZ

Berlin/Jena. "Trotzig lächeln" titelte ein Fernsehfilm über Lutz Rathenow vor ein paar Jahren. Jetzt legt der Berliner Schriftsteller aus Jena, der seine Sicht auf die labyrinthische Gesellschaft heute am liebsten in launige Kolumnen oder eigenwillige Lyrik verpackt, einen Gedichtband vor, dessen Titel hintergründig verspricht: "Gelächter, sortiert".
Der Band erschien in einer neuen, gediegen gestalteten "Edition die Tausend", in der man unter anderem auch Gedichte von Franz Hodjak entdecken kann. Für Buchliebhaber und Sammler neuer Literatur plant der Verlag etwa ein Dutzend Prosa-, Lyrik- und Essaybände pro Jahr, alle in blauer Leinenbindung und Fadenheftung, mit transparenten Schutzumschlägen, alle zum vergleichsweise günstigen Preis von 20 Euro.

In "Gelächter, sortiert" reflektieren die Mehrzahl der Gedichte und einige Prosagedichte in Rathenow-typischer Ironie manche Sonderlichkeit an uns und unserer Zeit, oder sie bieten Echos auf eine enttabuisierte Welt. Eines der Berührendsten kündet von der Beerdigung des Schriftstellerfreundes Wolfgang Hilbig, und in einem der "Zuworte" am Ende des Bandes wirkt der Tod, der früher so fern schien, beinahe greifbar: "Heute grüßen aus den Gräbern Bekannte, Thomas Brasch, Karl Mickel, wo liegt denn Schlesinger, Klaus?"

Töten als Sport beim Stierkampf in Sevilla hinterlässt ebenso Fragezeichen wie die Fangnetze an der Golden Gate Brigde, die manchen "American dream" hinterfragen. "Gerüche", eines der härtesten Gedichte, erinnert an den Duft des Westens durch "Mauer und Minenfelder" hindurch, und mit "blutsüßer Beinrest" an den Blutzoll dafür. - Mit dem für Rathenow neuen existenziellen Ton gewinnt eine einfühlsam erzählte Liebe am Meer, ein verirrter Grashüpfer mitternachts im vierten Stock, die Graffiti-Szene oder die Einsamkeit moderner Handy-Kommunikation eine noch stärkere Intensität. Es gibt nachschwingende Sätze, wie den eines Patienten in der Psychiatrie: "Wolken tragen Seelen weg."

Manche Gedichte, darunter einige Fußball-Elogen, sind Geschmackssache, andere gleichen Orakeln, oder bleiben nur Impressionen, bei denen man sich wünschte, an ihnen wäre noch weiter gearbeitet worden. Überaus interessant ist der Vergleich mit dem im zweiten Teil des Bandes 1994 schon einmal veröffentlichten Gedichtzyklus "Oder was schwimmt da im Auge" über den Abgang der DDR. Damalige Texte zwischen Aufbruchsstimmung und Irritation, wie "den Wind anzünden, die Welt erleuchten", sind einer reiferen Ernsthaftigkeit gewichen.

Mit seinen Lebenseinsichten jenseits der gefallenen Mauer und angesichts heutiger Verwerfungen legt Rathenow zugleich einen eigenwilligen Beitrag zur deutschen Einheit vor. Seine neuen Gedichte lesen sich weniger glatt, sie sind von abrupter Eleganz. Jeder, der zu ihnen greift, wird in "Gelächter, sortiert" einigen Denkstoff finden.

i Lutz Rathenow: Gelächter, sortiert. Gedichte, Verlag Ralf Liebe Weilerswist, 112 S., 20 Euro