Presse - Details

 
11.05.2013

Ehrung für "verbrannte Autoren" in Gera

von Elke Lier Ostthüringer Zeitung

Die Schriftstellerin Annerose Kirchner liest Kurt Tucholsky, solche bekannten Gedichte wie "Mutterns Hände". Bildrechte:OTZ

Gera gedenkt mit einer öffentlichen Lesung der nationalsozialistischen Bücherverbrennung vor 80 Jahren. 14 Vorleser bringen Texte von Bertolt Brecht bis Arnold Zweig sehr emotional und von erstaunlicher Aktualität an ihre Zuhörer.

Gera. Bertolt Brecht, Erich Kästner, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Arnold Zweig - diese und andere Autoren, deren Werke die Nazis vor 80 Jahren verbrannten, erhielten gestern eine besondere Würdigung.

Im Freitagsgetriebe auf dem Geraer Marktplatz brachten 14 Vorleser, vom Schriftsteller über Pensionäre bis zur Buchhändlerin, ins Feuer geworfene Werke ihren Zuhörern sehr emotional in Erinnerung. So gehörte Erich Maria Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues", aus dem der Linke-Bundestagsabgeordnete Ralph Lenkert las, zu den ersten von 800 Büchern missliebiger Autoren, die in der Geraer Bibliothek auf Geheiß der Thüringer Landesberatungsstelle für Volkstümliches Büchereiwesen 1933/34 ausgesondert wurden. Auch internationale Autoren von Weltrang wie Zola, Tolstoi , Hemingway und Gorki verschwanden aus Geras Bibliothek. "Hatte sie 1932 noch einen Bestand von 15 000 Bänden, erreichte er zum Kriegsende 1945 den Tiefpunkt mit nur noch 8000 Büchern", berichtete Bibliothekar Bernd Schulze aus seinen Recherchen. Dem Stadtarchiv entstammt die beschämende Tatsache, dass die Bücher "der Rohstoffverwertung zugeführt wurden. "

Wie deutscher Nationalismus, personifiziert in Heinrich Manns Romanfigur des "Untertan" Diederich Heßling Kriegstreiberei begünstigt, machte Stadtratsvorsitzender Dieter Hausold in einem Romanauszug deutlich.

Die Schauspielerin Otti Planerer ist vor einem Jahr aus Berlin nach Gera zurückgekehrt. "Als ich hörte, dass in Gera Neonazis aktiv sind, war es für mich klar, dass ich hier mitmache. Ich will Farbe bekennen, aktiv etwas tun, damit die Zeit des Faschismus nicht aus der Erinnerung verschwindet." Viele der vorgetragenen Texte der "verbrannten Autoren" widerspiegelten ihre bis heute aktuelle Antikriegseinstellung und ihr Schreiben gegen Intoleranz und Unmenschlichkeit. Aufs öffentliche Podium vor dem Geraer Rathausportal stieg auch Bernhard Fisch. Der 87-Jährige sagte: "Ich bin als Soldat des Zweiten Weltkrieges aus diesem Dreck lebend herausgekommen. Man liest über den Krieg immer viel von Männern, weniger von den Leiden der Frauen. Deshalb lese ich aus meinem Lieblingsbuch von Arnold Zweig, Junge Frau von 1914. Es ist noch eine alte Ausgabe aus dem Jahr 1949."

Die Geraer Schriftstellerin und PEN-Mitglied Annerose Kirchner freute sich über die große Resonanz: "Erstmals gibt es hier diese öffentliche Lesung auf Initiative der Landeszentrale für politische Bildung und des Thüringer Literaturrates, es ist eine gute Art, Leute zu erreichen. Die Unwissenheit über die Zeit des Faschismus nimmt zu." Die literarische Größe und Vielfalt einst verfehmter Autoren wurde in zarten Liebesgedichten von Brecht, frechen und lustigen Versen von Heine, Kästner und Tucholsky oder den erschütternden Gefängnisbriefen von Rosa Luxemburg deutlich.

Geras Sozialdezernentin Sandra Schöneich hatte zu Beginn die Marktbesucher zur Lesung eingeladen. Viele blieben stehen und lauschten wie Renate : "Ich lese viel, so eine Veranstaltung ist wichtig, sie spricht mir aus dem Herzen."

Mit ihren Kindern kam Juristin Corny Schmiedgen: "Wir lieben Bücher und die Lesung hält die Erinnerung wach an die unsägliche Mobilmachung gegen namhafte Schriftsteller."

Dieser Literatur-Vormittag war gelungen, niveauvoll und verdient eine Fortführung.