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10.02.2007

Ehrlichkeit der Gefühle

von Frank Quilitzsch TLZ

Große Resonanz auf Thüringer Jugend-Schreibwettbewerb: Jury ermittelt bis zum Monatsende die besten 30 Arbeiten.

Erfurt. (tlz) Erfreulich ist die Resonanz auf den vom Thüringer Schriftstellerverband zusammen mit dem Bödecker-Kreis gestarteten Jugend-Schreibwettbewerb "Gewalt und Zärtlichkeit": 220 Schüler im Alter von 14 bis 20 Jahren haben selbst verfasste Gedichte und Geschichten eingereicht. Eine Jury wird bis Ende Februar die 30 interessantesten und besten Arbeiten ermitteln, die am 10. Mai, dem 74. Jahrestag der Bücherverbrennung, in einer Anthologie veröffentlicht werden.
Neben Einzelpersonen haben sich auch ganze Klassen mit Gewalterfahrungen im privaten und gesellschaftlichen Umfeld auseinandergesetzt. Die Schüler wurden dabei von ihren Lehrern unterstützt. Einsendungen kamen aus ganz Thüringen, u. a. von Gymnasien und Regelschulen aus Erfurt, Suhl, Jena, Remptendorf, Anrode/Bickenriede, Bad Sulza, Schmalkalden, Sömmerda, Schleusingen, Meiningen, Gera und Bad Sulza. Das Themen-Spektrum reicht von erster Liebe und Trennungsschmerz über Unterdrückung und vermisster Hilfe im Elternhaus und Freundeskreis bis zu Vergewaltigung und Ausländerfeindlichkeit.

"Die wirklich große Entdeckung war die Ehrlichkeit der Gefühle, mit denen die Jugendlichen ohne Angst vor Konsequenzen geschrieben haben", resümiert Landolf Scherzer, der mit vier weiteren Schriftstellern die Jury bildet. Auch wenn nicht alle Arbeiten auf Anhieb gelungen sind und nur 30 junge Autoren zur viertägigen Schreibwerkstatt nach Weimar eingeladen werden können, darf allen 220 Einsendern bescheinigt werden, dass sie sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt und - manche vielleicht zum ersten Mal - um eine literarische Form gerungen haben.

"Wir haben sogar ein neues Genre kennen gelernt", meinte Scherzer schmunzelnd: Einige Jugendliche hätten sogenannte "Elfchen" eingereicht, aus elf Worten gebildete Verse, bei denen sich die Verfasser sehr disziplinieren mussten. Menschlich berührte am stärksten der Beitrag einer 16-jährigen Schülerin, die als Achtjährige in der eigenen Familie missbraucht wurde und bis heute darunter leidet.

Wie mit solch einer Offenbarung umgegangen werden muss, darüber wird sich die Jury u. a. mit dem Opferhilfe-Verein "Der weiße Ring" beraten, der wie auch DGB, ver.di und die Friedrich-Ebert-Stiftung den Schreibwettbewerb unterstützt. Neu hinzugekommen ist die Sparkasse Mittelthüringen, die 500 Euro Druckkostenhilfe gibt.

"Wir wollen mit den Schulen, die sich beteiligt haben, in Kontakt bleiben", wünscht sich Scherzer. "Wenn Interesse besteht, kann auch einer von unseren Autoren dort lesen oder eine Schreibwerkstatt leiten. Der Dialog ist uns wichtig." Eine Überraschung verspricht die Schirmherrin des Wettbewerbs "Gewalt und Zärtlichkeit", Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Katrin Göring-Eckardt, den 30 Teilnehmern der Manuskript-Werkstatt. Ihnen werde neben intensiver Textarbeit unter Leitung gestandener Autoren ein großes kulturelles Erlebnis geboten.