Presse - Details

 
10.10.2009

Edgar Wolfrum: Die Mauer - Geschichte einer Teilung

von Kai Agthe TLZ

Als Nikita Chruschtschow die Berliner Mauer zum ersten Mal sah, nannte er sie eine "hässliche Sache", die bald verschwinden müsse. Dazu konnte er, selbst wenn er gewollt hätte, keinen aktiven Beitrag leisten, da auch er verschwinden musste. 1964 wurde er von Breschnew gestürzt. Der wiederum brach 1971 den Stab über Ulbricht und installierte mit Honecker einen neuen starken Mann in der DDR, der ihm treu ergeben war. Achtzehn Jahre regierte Honecker das Land, das seit 1961 nur noch die Mauer zusammenhielt. Und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte diese im Oktober 1989 noch 100 Jahre stehen sollen.
Dass die Mauer ein unmenschliches Bauwerk war, lernte auch jener Anonymus, der sie als Grenzsoldat zum ersten Mal in Augenschein nahm und sah, dass die Anlagen des in der DDR-Propaganda bis zuletzt als "antifaschistischer Schutzwall" bezeichneten Todesstreifens nicht das Eindringen vom Westen, sondern das Ausbrechen vom Osten her vereiteln sollten. Diese Beispiele, die sich beliebig fortsetzen ließen, nennt Edgar Wolfrum in seinem Buch über den Bau und Fall jener perfiden Architektur, die Deutschland und die Welt in West und Ost teilte.

Das vorliegende Buch ist eine ebenso kenntnisreiche wie leserfreundlich geschriebene Geschichte der ostdeutschen Mauer. Obwohl niemand die Absicht hatte, eine solche zu errichten, wurde sie - es war bezeichnenderweise ein Sonntag - am 13. August 1961 auf Befehl Ulbrichts und natürlich mit der Duldung Moskaus hochgezogen. Edgar Wolfrum kann aber auch darlegen, dass die Alliierten dem Treiben Ost-Berlins nicht nur mehr oder minder tatenlos zusahen, sondern dass in Paris, London und Washington geradezu Erleichterung zu spüren war, weil die deutsch-deutsche Frage durch Zweiteilung vorerst geklärt schien.

Was als einfache, mit Stacheldraht bewehrte Mauer aus Hohlblocksteinen begann, wurde zu einem Bauwerk, an dem sich Ingenieurskunst austobte. Mochte der Schießbefehl an der Grenze auch im April 1989 aufgehoben worden sein (Erich Honecker befürchtete, dass das Bild der DDR Schaden nehmen könnte), so wurde die Mauer bis zuletzt weiter perfektioniert. In den siebziger Jahren hatte man die berüchtigten Selbstschussanlagen installiert. Und im Jahr 2000 hätte die Mauer eine vollkommene High-Tech-Falle sein sollen: Infrarotschranken hätten beim Durchgehen Scheinwerfer einschalten und Alarm auslösen sollen. Geplant war, Sperren aus extradünnen Drahtrollen anzubringen, in denen sich ein Flüchtling bis zur Bewegungsunfähigkeit hätte verfangen können. Auch sollten Sensoren in die Erde versenkt werden, die Erschütterungen im Umkreis von 500 Metern registriert hätten.

Dazu ist es zum Glück nicht mehr gekommen. Mögen auch keine gesicherten Angaben vorliegen, so kann Wolfrum mitteilen, dass bis zum 9. November 1989 an der Grenze über 1200 Menschen zu Tode kamen, zwischen 122 und 200 davon an der Berliner Mauer. "Die Mauer war", so der Autor, "geradezu Symbol für die permanente Staatskrise der DDR." Diese Krise endete 1989.

Am Ende gilt das Augenmerk jenen Mauern, die weltweit errichtet wurden, nachdem die in Berlin gefallen war. Die Zahl ist erschreckend. Ob nun die Grenze zwischen den USA und Mexiko oder die zwischen Israel und den Palästinenser-Gebieten: Beton und Stacheldraht überall. So stimmt denn auch der letzte Satz bedenklich: "Angesichts dieser Vermauerung der Gegenwart zerrinnen die Hoffnungen des Mauerfalls von 1989 ins Utopische."

i Edgar Wolfrum: Die Mauer - Geschichte einer Teilung. C. H. Beck Verlag, München, 191 S., 16,90 Euro