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12.10.2013

Dunkle Familienvergangenheit

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Jennifer Teege

Ranis. Ihr Buch wurde nach dem Erscheinen am 20. September in den Medien bereits ausführlich besprochen. Zwischen der für Donnerstag aufgezeichneten Sendung "Beckmann" in der ARD und der Buchmesse in Frankfurt/Main nahm sich Jennifer Teege Zeit für einen Abstecher nach Ranis, um aus ihrem Werk "Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen" (Rowohlt Verlag) zu lesen. Wie sehr das Thema die Leser fasziniert, zeigte die Tatsache, dass die 75 verbliebenen Besucher eine gute Stunde ausharrten, da sich Teege verspätet hatte. "Pünktlichkeit ist eine Tugend, das impfe ich auch meinen Kindern ein", sagte die zweifache Mutter, der ein Stau in Frankfurt zum Verhängnis geworden ist.

Jennifer Teege hat die Öffentlichkeit mit ihrem Buch aufgewühlt, geht es doch um eine tragische deutsche Geschichte. Durch einen Zufall erfuhr die heute 43-Jährige, dass ihr Großvater der Nazi-Verbrecher und Massenmörder Amon Göth aus dem Film "Schindlers Liste" war. Es war ein Buch mit dem Untertitel "Die Lebensgeschichte von Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten aus Schindlers Liste", das die Politologin in einer Hamburger Bücherei entdeckte.Amon Göth ist in Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" der brutale KZ-Kommandant und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod Tausender Menschen und wurde 1946 gehängt. Seine Lebensgefährtin Ruth Irene Göth, Jennifer Teeges Großmutter, beging 1983 Selbstmord.

Die Hauptprotagonistin der Geschichte, Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers, kam im jungen Alter ins Heim und wurde mit sieben Jahren adoptiert. Erst im Alter von 38 Jahren erfährt sie von ihrem Familiengeheimnis. Ihre Adoptiveltern hätten davon nichts gewusst, erklärte sie in Ranis auf Anfrage. Die Besucher erleben eine selbstbewusste und aufgeräumte Frau, die noch vor ein paar Jahren an Depressionen litt. Heute weiß sie, dass das Schreiben des Buches selbst eine Form von Therapie war.

Ob das Auffinden ihres Großvaters Zufall oder gar Schicksal war, wollte sie nicht beantworten; zumal besagtes Buch eines unter 100 000 in der Bücherei war. Fest stand für sie die Frage: "Ich bin diejenige, die betrogen worden ist." Inzwischen kann sie auch wieder ohne Vorbehalte ihren jüdischen Freunden entgegen treten. Auch in Deutschland gibt es bislang keine negative Kritik an ihrem Buch.Eines ist für Jennifer Teege wichtig: "Es ist kein Buch, das belehren soll." Es soll informieren und wachrütteln. Und es soll Hintergründe beleuchten: Dafür hat die Hamburgerin die Journalistin Nikola Sellmair mit ins Boot geholt, die in der dritten Person schreibt, während Jennifer Teege in die Rolle der Ich-Erzählerin schlüpft. Vielmehr soll das Buch Fragen beantworten, wie beispielsweise: Kann ein Mensch Macht über einen anderen haben, auch wenn er lange tot ist? So wie bei ihr, als sie erfuhr, wer ihr Großvater war.

"In dieser Form gibt es in Deutschland noch immer viele Fälle, wo Menschen wissen wollen, wer ihre Vorfahren waren", sagte Besucher Steffen Hahnemann. Der Geschichtslehrer aus Crossen, der das Buch vor einer Woche kaufte, war sehr angetan von der Lesung.