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06.02.2006

Duell der Wiedergänger

von Frank Quilitzsch TLZ

Bochum. (tlz) Der blutrote Vorhang öffnet sich, und es duftet nach Holz. Kein Salon. Eine Kammer voller Kisten. Drauf lümmeln Deputierte, Bürger, Damen, Hungerleider und Huren - das ganze Büchnersche Revoluzzervolk. Danton streift müde umher mit hängenden Schultern und schleppendem Mantel. Langsam hebt er den Blick. "Totgeschlagen!" gellt es von der Straße, wieder wird einer an die Laterne geknüpft. "Ich liebe dich wie das Grab", flüstert Danton seiner Julie zu und zuckt zusammen, als Camille (Christoph Pütthoff) den Sargdeckel knallen lässt. Die Revolution müsse aufhören und die Demokratie endlich anfangen! Doch es hört nicht auf. Das Volk hungert, friert und hurt, die Guillotine singt und Danton hält sich die Ohren zu ...

Elmar Goerdens Bühne ist eine Art Zwischenlager der Revolution, ein Hort des Unerledigten, wo Träume wie "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" nicht enden und Revolutionäre keine Ruhe finden. Für einen Abend kriechen sie noch einmal aus ihren Kisten: Wiedergänger Danton trifft seinen Widersacher Robespierre, im Schauspielhaus Bochum, im Februar 2006.

Thomas Thieme inszeniert "Dantons Tod" von Georg Büchner und hat eingangs Mühe, das Chaos von 1794 in den Griff zu bekommen. Das Sterben Dantons, eines der populärsten Führer der Französischen Revolution, der sich gegen eine Fortsetzung des Terrors wendet, wird von allerlei Nebenhandlungen begleitet. Doch im Gegensatz zum Weimarer "Baal" findet die Bochumer Inszenierung ihre Mitte, um die alles kreist. Und dieser Punkt heißt - man kommt nicht umhin, nochmals den Namen zu nennen - wiederum Thieme.

Thieme inszeniert Thieme, in diesem Falle konnte das gar nicht schief gehen, weil dem Schauspieler die Rolle des Danton auf den Leib geschrieben scheint. Aber dass es so gut geht, ist auch Ko-Regisseur Thomas Potzger zu verdanken, der die Textfassung schuf und größere dramaturgische Unglücksfälle nicht zuließ, und natürlich dem hervorragenden Bochumer Ensemble.

Danton kontra Robespierre - ein ungleiches Duell. Hier tritt der Epikureer, der Genussmensch, gegen den Verfechter der "reinen" Lehre an, ein Individuum gegen den Asketen. Thieme wirft sich mit seinem ganzen Gewicht in die Rolle und zieht alle Register: von Lustlosigkeit und Melancholie bis zu Tobsucht und Ekstase. Er zeigt die Kreatur hinter der Heldenmaske, den nackten Menschen Danton, der gern lebt und liebt, in Todesangst erstarrt und doch sein Gewissen nicht abzuwürgen vermag.

Teuflischer St. Just

Ernst Stötzner hält mit schneidiger Ruhe dagegen. Sein Robespierre argumentiert wie ein Volksschullehrer, der es an die Spitze der Gewerkschaften geschafft hat und heimlich als Aktionär im Vorstand einer Bank sitzt; wer traut schon dem "Unbestechlichen", einem Tugendbold? Leider stakt Stötzner beim Agitieren wie ein Wanderprediger umher, was Thieme auf der Kiste nicht sieht.

Die Büchnerschen Volksszenen, deftig bis vulgär, hätte man sich kunstvoller gewünscht. Und warum muss Sascha Nathan als Lacroix dauernd die Hosen verlieren - weil er kein Sansculotte sein will? Man erschrickt vor der Wucht, mit der Danton dem Tribunal seine Verteidigung entgegen schleudert, und erschauert, wenn zum Ende die zerbrechliche Lucile (Lea Draeger) mit spitzem Schrei den Blutrausch zu stoppen versucht. Sonst sind es die leisen Gesten, die unter die Haut gehen. Robespierres Drohung, jeden zu liquidieren, der ihm in den Arm fällt - seine Worte haben Schule gemacht. Julies (Katja Uffelmann) stumme Verzweiflung, mit der sie dem Gatten in den Tod folgt. Und St. Justs Insistieren auf den "heiligen Zweck" des Fallbeils, großartig gespielt vom kleinen Marek Harloff, dem ehemaligen Weimarer Mephisto.

Harloff ist wieder der eiskalte Strippenzieher, der in Bochum lediglich zwei größere Auftritte hat, diese jedoch so bravourös nutzt, dass man sich fragt, ob er nicht den Robespierre hätte spielen sollen. Sein St. Just verkörpert etwas, was die Protagonisten nicht (mehr) besitzen: die Verführungskraft des Frühreifen, und lässt Robespierre und Danton wie alte Männer aussehen. Das ist der Lauf der Welt: Echte Revolutionäre sterben jung; die alten Achtundsechziger spielen Theater.

! Nächste Aufführungen: 8., 11., 17. Februar; Karten über Tel. 0234 / 3333-5555 oder www.schauspielhausbochum.de