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17.06.2002

Dinge in Worte gefasst, die unaussprechlich erscheinen

von Oliver Will Ostthüringer Zeitung

"Manche Dinge widersetzen sich der Verschriftung", meint Christoph Dieckmann. Wieviel sich jedoch so in Worte fassen lässt, dass sich das Publikum vor Lachen krümmt oder vor Betroffenheit fast erstarrt, zeigte der Autor in seiner Lesung am Samstag im Rahmen der Thüringer Literatur- und Autorentage auf der Burg Ranis.

Christoph Dieckmann ist bekannt als Redakteur der "Zeit". Er ist jedoch auch, so Dr. Martin Straub, Geschäftsführer des Lese-Zeichen e. V., "ein guter Erzähler, der für Ostdeutsche über das ostdeutsche Leben erzählt". Und zwar ohne in nostalgische Schwärmerei oder schroffe Ablehnung zu verfallen. Dieckmann zeigt in einer oft mehrdeutigen Sprache die bizarre Komik von Alltagsituationen auf, die seine Hörer und Leser aus ihrem eigenen Erleben kennen. Dabei verwendet er oft Dialekte und Slangwörter, die genau zu den geschilderten Situationen passen.

So hat Christoph Diekmann auch in seinem neuesten Buch "Volk bleibt Volk" diesem "auf´s Maul geschaut" und eine "deutsche Chronik" zusammengestellt. Allerdings sei er "kein Erfinder, sondern ein Erleber". Alles, was im Buch geschildert wird, habe sich tatsächlich zugetragen. Ob jedoch tatsächlich so, wie niedergeschrieben, wisse nur der Autor selbst. Und so beginnt Dieckmann mit ganz persönlichen Erlebnissen aus seiner Kindheit. Er lernt das Landvolk und das Gottesvolk kennen. Später sieht er das Volk im Bergrevier und im Fußballstadion. Doch immer wieder stellen gerade Einzelpersonen das "Idealvolk" dar. "´Volk´ ist der falscheste aller Singulare", meint Dieckmann. Und auch das Nachwendephämomen "ostdeutsche Identität" sei lediglich ein Konstrukt, entstanden aus "Wagenburgrassismus". Gegenüber Ausländern gebe man sich "deutsch", gegenüber Wessis als Ossi.

Zu dieser Identität gehören, so Christoph Dieckmann, die Geschichten, die nur die Ossis miteinander teilen. Und so lachen sie gemeinsam über das "Kampfmeeting mit Horst Sindermann zum Tag des Bergmanns der DDR" oder Auto waschende Männer in Trainingshose und Unterhemd. Doch dann wird Dieckmann sehr ernst, wenn es um "Einheiten, die anständig geblieben sind" oder einen Besuch in Auschwitz geht. "Ausgespieen sei dieser Dreck aus meinem Volk" wünscht er und warnt: "Die Gene der Völker sind nicht ein für allemal demokratisiert".

Christoph Dieckmann gelang es, Lust auf ein Buch voller Gegensätze zu machen. Und so resümierte Dr. Martin Straub, man habe gesehen, wie gut sich Verschiedenes verbindet. Eine Besucherin schwärmte: "Es ist beeindruckend, was sich alles in Worte fassen lässt".