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18.06.2012

Digitale Netzwerke in der Diskussion

von Dietmar Ebert TLZ

Romantikerhaus: Transparenz trifft auf Datenschutz - Ist Selbstbestimmung noch möglich?

Am Samstag fand im Romantikerhaus der zweite Diskurs innerhalb der Veranstaltungsreihe „Romantischer Realismus im 21. Jahrhundert“ statt.

Das Thema lautete „Transparenz versus Datenschutz – informationelle Selbstbestimmung und Autonomie der Persönlichkeit um 18 00 und heute.“

Constanze Kurz (Projektleiterin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin; Sprecherin des Chaos Computer Clubs); Dr. Temilo von Zantwijk (Philosph), Moritz Gause (Schriftsteller) und Thomas Ott (Rechtsanwalt) fanden, geschickt moderiert von Dr. Martin Straub, zu einem spannungsgeladenen und für die Zuhörer unterhaltsamen Dialog. Hephzibah Vollmer und Emanuel Winter erfreuten die Zuhörer mit  drei Sätzen eines Oboen-Konzertes von Tomaso  Albinoni.

Die Selbstbestimmtheit des einzelnen Menschen, sein Anspruch auf Würde und Unverletzbarkeit der Persönlichkeit wurden aus philosophischer, technik- und kunstwissenschaftlicher sowie rechtlicher Perspektive  beleuchtet und kontrovers diskutiert. Temilo van Zantwijk verwies auf die Kompliziertheit des Autonomie-Begriffs, seine Gebundenheit an Kants „moralischen Imperativ“ und seinen „utopischen Überschuss“. Constanze Kurz plädierte vehement dafür, jeden einzelnen Menschen als ein Individuum mit Bedürfnissen, Interessen, Wünschen und Zielvorstellungen  zu betrachten.

In der kurzweiligen Diskussion kristallisierten sich folgende Hauptfragen heraus:

Die Nutzung digitaler Netzwerke gestattet es, Profile von Nutzergruppen zu erstellen

und Bedürfnisse zu prognostizieren und zu manipulieren. Können sich die Nutzer

digitaler Netzwerke dagegen schützen?  Führt die Datenspeicherung im Netz eher zu einem Nicht-Vergessen  oder doch eher zu einem Erinnerungsverlust?  Digitale Netzwerke haben es an sich, dass Daten, die einzelne Nutzer preisgeben, vernetzt werden und in andere Zusammenhänge als vom Nutzer gewünscht, gebracht werden. Sind die daraus sich ergebenden praktischen Probleme im Spannungsfeld von Selbst- und Fremdbestimmtheit oder von Öffentlichkeit und Privatheit oder in der Durchdringung von beiden zu sehen?

Einig waren sich alle im Podium, dass, wenn von Daten, die privat bleiben sollten, öffentlicher Gebrauch gemacht wird, vom Gesetzgeber juristische Regularien erarbeitet werden müssen, die den Schutz der Privatsphäre garantieren.

Auch wenn man am Schluss der Debatte mit Brecht sagen könnte: „Vorhang zu und

alle Fragen offen“, der Nachmittag im Romantikerhaus hat gezeigt, wie der Blick auf den Alltag in Jena und seine theoretische Reflexion vor 200 Jahren und heute zu einer angeregten Diskussion führte, die noch geraume Zeit die Besucher beschäftigen wird.

Die nächste Veranstaltung in der Reihe zum „romantischen Realismus im 21. Jahrhundert“ wird am 7. Juli zum Thema „Europa – Romantische Phantasmagorie oder praktisches Leitbild?“ stattfinden. Zu diesem Thema werden der Komponist Ludger Vollmer, Prof. Stefan Matuschek und der Europaabgeordnete Gerald Häfner miteinander ins Gespräch kommen.

Die Moderation wird Dr. Matias Mieth übernehmen.