Presse - Details

 
20.06.2011

Dieter Moor im krachvollen Regenzelt

von Matthias Biskupek TLZ

Dieter Moor zog in Ranis die Leserscharen an: Der bekannte TV-Journalist las vor 400 Zuhörern Autobiografisches. Foto: Lisa Hänel

 

Literarisches Genussprogramm: Markenbutter und gemischte TV-Platte wurden während der 14. Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis serviert.

Ranis. Das Wetter ist immer wechselhaft in der hellsten Zeit des Jahres, doch Literaturliebhaber bleiben sich gleich und genießen die Burg Ranis samt Ausblick einmal im Jahr als festes Zentrum. Zumindest von Thüringen. Dabei ist die Geschichte der Thüringer Literaturtage seit 1990 reich an Orten: Großkochberg, Meiningen, Eisenach, Apolda, Jena, Gera oder Weimar waren Jahres-Treffpunkte. Dann etablierten sich diese Tage mit dem Verein Lesezeichen in Ranis, nunmehr dort zum 14. Mal. Doch immer auch schwärmen sie aus, nach Wandersleben und Limlingerode zum Beispiel.


Unverrückbar in der jetzigen Form thront seit dem 17. Jahrhundert die Burg über der literaturfreundlichsten Kleinst-Stadt des Landes, und seit 1998 also pilgern Lesungs-Hungrige auf Freiterrassen und vor Bücherbuden. Manchmal an zwei, in jüngerer Zeit nur noch an einem Mittsommer-Wochenende. Das dann bereits am Donnerstag beginnt, diesmal mit Blick auf Rumänien: Die Lese-Zeichner - Schriftsteller, Verleger, Künstler - hatten in Siebenbürgen und an der Moldau ihre "Mehrfachbelichtungen" gesucht, der Grafiker, Kunstlehrer, Fotograf und Vereinsvorsitzende Andreas Berner ließ in Gesichter und Landschaften blicken, und zwei Dichterinnen sprachen die Gäste deutsch und fremd, rumänisch und vertraut an.


Den politischen und vielleicht auch korrekten Auftakt in jenem Breitenbuchsaal in der Burg, zu dem seit kurzem hochmoderne, barrierefreie Aufgänge führen, bot Lothar de Maizière mit dem Radiomann Matthias Gehler. Keine Lesung, sondern Plauderstunde: Dönekens und Kohl, Kantinenpreise und Klassen-Schranken im DDR-Ministerrat.


Seit einiger Zeit mühen sich die Programmmacher, mit Bild-schirmbekanntheiten Volk anzulocken, das dann auch exzellente, weniger populäre Lyriker wie Andreas Altmann oder den musizierenden Dichter Christian Rosenau kennenlernen kann. Immerhin kamen zum Wortklang-Programm auf diese Weise an die hundert Interessenten; man möchte gern an neue Lyrik-Wellen glauben. Insgesamt tummelten sich, wie von Lese-Zeichen zu erfahren war, 1600 Leute auf der Burg.

 

Für die große Abendunterhaltung hatte man Franziska Troegner und Thekla Carola Wied gewonnen. Und weil das TV-Gesicht Dieter Moor ein Buch geschrieben hat, in dem es erzählt, wie gut auf dem Lande die Kultur riecht, wenn sie irgendwo bei Moor hinten raus kommt und wie putzig-lieb doch die krachledernen Ossis zu ihm sind, war dessen Veranstaltung auch krachvoll unter einem Regenzelt am Abend.


Wenn der Berichterstatter selbst am Programm mitstrickt, ist er befangen. Den "Literarischen Brunch" am Sonntagmorgen gabs zum zweiten Mal; von der Deutschen Markenbutter bis zum Tilapia (Buntbarsch) war alles so treff- und reichlich, dass die beigegebenen kulinarischen Kurzkrimis offenbar nicht zu Appetitszügler wurden. Das Trio "Klatschmohn" ließ einen Hauch von Tanz- und Folkfest durch den Saal der Speisenden wehen und gemahnte ans nächste Großereignis im Kulturland Thüringen.


Auch der MDR-Hörfunk engagiert sich seit längerem für die Burg. Michael Hametner von Figaro hatte Birgit Vanderbeke mitgebracht, die mit "Das Muschelessen" vor zwanzig Jahren ihre Karriere begann. Damals stand der Genuss-Titel über einer Geschichte mit wenig erbaulichen Familienszenen. Diesmal ging es um die Liebe in romantisch-rebellischer Form. Die Ranis-Besucher sahen, was kommenden Sonntag auf MDR im Literaturcafé zu hören sein wird: Dann kann man vorm privaten Radio auch lautstark schlürfen, ohne das dieses Geräusch gleich weltweit vom guten Leben auf dem Literatur-Lande zeugt.