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21.03.2003

Diesen Krieg müssen alle Menschen ertragen

von Frank Quilitzsch TLZ

1999 wurde Lenka Reinerova in Weimar mit dem Schillerring ausgezeichnet. An diesem Samstag erhält sie zusammen mit Jorge Semprún im Weimarer Schloss die Goethe-Medaille und liest am Sonntag in der Weimarer Reden-Reihe aus ihrem neuen Buch. Foto: dpa

Leipzig. (tlz) Sie hat zwei Weltkriege erlebt und ist, während ihre Familie umgebracht wurde, knapp dem Holocaust entronnen: Lenka Reinerova, die letzte Deutsch schreibende Schriftstellerin in Prag. In zahlreichen Büchern erzählt sie von ihren Kämpfen für ein menschenwürdigeres Leben, von Flucht, Internierung und Exil. Auf der Leipziger Buchmesse präsentierte sie gestern ihr im Aufbau-Verlag erschienenes Buch "Alle Farben der Sonne und der Nacht", in dem sie sich an jene dunkle Zeit erinnert, die sie als Opfer der stalinistischen "Säuberungen" in Untersuchungshaft verbringen musste. Die 86-Jährige, die am Sonnabend in Weimar gemeinsam mit Jorge Semprún mit der Goethe-Medaille geehrt wird, hat auf dem Weg zur Messe vom Ausbruch des Irak-Krieges erfahren und äußert sich dazu im TLZ-Exklusivinterview.

Frau Reinerova, was hat die Nachricht vom Kriegsbeginn in Ihnen ausgelöst?

Entsetzen. Es war keine Überraschung. Wir mussten ja alle damit rechnen. Aber irgendwo war doch noch ein Funken Hoffnung. Diese Hoffnung war vielleicht irreal, es hätte noch irgendetwas, was wir nicht wissen, geschehen müssen. Aber scheinbar können Millionen Menschen, die protestieren, einfach beiseite gefegt werden. Ich habe Angst, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kräfte des internationalen Terrorismus das einfach so hinnehmen.

Wenn das "Recht" des Stärkeren das Völkerrecht bricht, lässt das für die Zukunft nicht Schlimmstes befürchten?

Jetzt ist alles wieder in Frage gestellt. Diesen Krieg müssen wir alle ertragen, nicht nur die unmittelbar Betroffenen. Im Irak lebt ja nicht allein der Saddam Hussein mit seinem Clan, dort leben ganz normale Menschen. Und es kann mir niemand einreden, dass die verschont bleiben. Ich bin im Ersten Weltkrieg auf die Welt gekommen, habe mit viel Glück den Zweiten Weltkrieg überlebt. Ich hätte nie geglaubt, dass ich im hohen Alter noch einmal Zeugin eines Krieges werden würde ... Obwohl, Kriege hat es immer gegeben, den Vietnamkrieg, den Koreakrieg. Doch was jetzt passiert, ist unfassbar. Man fragt sich zum Beispiel, ob der Irak, wenn er kein Rohöl hätte, trotzdem angegriffen worden wäre.

Angesichts solch gewaltsamer Konfliktlösungen stellt sich immer wieder aufs neue die Frage, was Literatur bewirken kann.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man Literatur nicht aufgeben darf. Wenn ich es auf mich beziehe: Ich habe mich immer gegen die Bezeichnung Schriftstellerin gewehrt. Ich bin keine Schriftstellerin, sondern ich bin Erzählerin. Und mein Beruf ist "Zeitzeuge". Je mehr sich die Dinge so abspielen, wie sie sich abspielen, um so stärker wird in mir das Bedürfnis auszusagen, was es gegeben hat, wie es war - nicht in der törichten Hoffnung, etwas zu ändern. Was ich erlebt habe, habe ich in einer ganz bestimmten historischen Situation erlebt, und diese wiederum wird jetzt aus einer grundlegend anderen historischen Situation beurteilt. Dazu kommt noch der zeitliche Abstand. Nehmen wir das Problem des Holocaust. Für jüngere Menschen ist der Holocaust ein Kapitel Geschichte. Kein schönes Kapitel, doch es berührt sie heute nicht mehr. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Gerade deshalb meine ich, dass man darüber berichten muss.

In Ihrem jüngsten Buch erinnern Sie sich an die stalinistischen "Säuberungen", deren Opfer Sie 1952 wurden. Erstaunlicherweise tun Sie dies in einem empfindsamen, beinahe warmherzigen Ton. Hätten Sie nicht ein Recht, verbittert zu sein?

Hass ist mir anscheinend von der Natur nicht gegeben. Ich habe ja schon einmal über meine Haftzeit geschrieben, 1956, in tschechischer Sprache. Das Manuskript ist erst 1968 von einem Verlag angenommen worden, im Zuge des "Prager Frühlings". Das Buch erschien dann 1969 und hatte ein kurzes Leben.

Haben Sie das alte Manuskript zur Grundlage genommen, um sich fast ein halbes Jahrhundert später dem Thema wieder zu nähern?

Ich bin davon ausgegangen. Allerdings bin ich jetzt eine andere als 1956. Ich habe neue Erfahrungen und erschütternde Erkenntnisse hinzugewonnen.

Mit sich selbst gehen Sie am härtesten ins Gericht.

Haben Sie das empfunden? Ich dachte, ich muss es so deutlich sagen. Wissen Sie, seit dem 89er Umsturz werde ich über die Medien mit Menschen konfrontiert, die damals physisch gefoltert worden sind. Ich höre das mit Entsetzen und frage mich, warum ich davon nichts gewusst habe.

Sie haben Anna Seghers persönlich gekannt. Können Sie verstehen, dass die Seghers in der DDR große Angst hatte zu sagen, was sie wusste?

Für mich ist das Problem Anna Seghers viel komplizierter, wahrscheinlich weil ich sie so gut gekannt habe. Sie war ein Mensch, der geschrieben hat, aber kein Mensch irgendwelcher Manifeste und Auftritte. Im Falle Janka hat sie etwas unternommen, sie war bei Ulbricht gewesen. Doch selbst wenn die Seghers nichts anderes getan hätte, als das "Siebte Kreuz" zu schreiben, hätte sie meines Erachtens den Platz verdient, der ihr zukommt.

Sie sind 1968 rehabilitiert worden ...

Nein, gerichtlich rehabilitiert wurden wir schon 1964, und das Groteske war, dass man mir im Verfahren dieser Rehabilitierung vorgerechnet hat, was ich bezahlen muss - zehn Kronen pro Tag für Nahrung und Logis.

Sie sagen dies mit einem Lächeln.

Ja, weil ich es so absurd finde.

Haben Sie den Eindruck, dass dieses dunkle Kapitel tschechoslowakischer Geschichte umfassend aufgearbeitet worden ist?

Das ist kein Kapitel nur der tschechoslowakischen Geschichte, sondern das betraf alle Länder, die damals unter Stalins Einfluss standen. Ja, was ist das - "aufgearbeitet"? Für mich sind die Akten der Staatssicherheit in keinerlei Weise eine maßgebliche Klärung. Ich kann aufschreiben, wie ich es erlebt und empfunden habe. "Alle Farben der Sonne und der Nacht" ist diesbezüglich mein schwierigstes Buch. Ich konnte nur anderthalb Stunden hintereinander daran arbeiten. Das hängt sicher auch mit meinem Alter zusammen, aber ich glaube, vorrangig mit dem Stoff.