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11.01.2010

Diese Sehnsucht nach Anfang

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Siegfried Pitschmann wäre heute 80 geworden - Tagung in Weimar geht auf Spurensuche
Von OTZ-Redakteurin Sabine Wagner Er war ein Meister der Kurzprosa und feilte an seinen Texten mit der Präzision eines Uhrmachers.

Diesen Beruf hat Siegfried Pitschmann (1930-2002) gelernt, als es ihn in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg von Grünberg/Schlesien nach Mühlhausen in Thüringen verschlug. Seine Passion war er nicht. Der Mann mit den "mageren, nervösen Händen", die seine zweite Frau, die Schriftstellerin Brigitte Reimann (1939-1974) so sehr an ihm liebte, wollte die Zeit in Worten festhalten. Gelungen ist ihm das nur unter Schmerzen. Siegfried Pitschmann, der heute 80 Jahre alt geworden wäre, litt lebenslang unter der Sehnsucht nach dem Anfang.

Zum Schreiben kommt Siegfried Pitschmann über den Zirkel junger Autoren in Weimar. 1957/58 geht er das erste Mal in die "Schwarze Pumpe" nach Hoyerswerda, arbeitet in einer Betonbaubrigade und an seinem Roman "Erziehung eines Helden". Das 140-seitige Manuskript gerät 1959 in die Mühlen der DDR-Kulturpolitik und bleibt unvollendet. Teile daraus verarbeitet er später in seinen Erzählungen.

Im Schriftstellerheim in Petzow lernt Pitschmann Brigitte Reimann (1933-1973) kennen. Sie heiraten, ziehen im Januar 1960 erneut nach Hoyerswerda. 1961 erscheint Pitschmanns Erzählung "Die wunderliche Verlobung eines Karrenmanns". Das sie überhaupt fertig wird, verdankt er auch seiner Frau. "Sie hat nicht nur das Manuskript abgetippt, sondern Pitschmann immer wieder zur Arbeit angetrieben", weiß Martin Schmidt.

Der Vorsitzende des Hoyerswerdaer Kunstvereins und Freund von Brigitte Reimann hat Siegfried Pitschmann als "sensiblen Menschen" in Erinnerung, der um jedes Wort, jedes Komma kämpft. "Wegen eines Kommas hat er sogar seinem Lektor hinterhertelefoniert. Der war dann froh, als das Manuskript endlich in den Druck ging." Pitschmann und Reimann trennen sich 1964. Er wechselt als Dramaturg ans Volkstheater Rostock, zieht später nach Suhl, wo er 2002 stirbt.

"Er wird ein paar gute Bücher schreiben, wirkliche Literatur", urteilt die Reimann über Pitschmann, den sie Daniel nennt und immer für den Begabteren hält. Und sie behält recht. Neben den gemeinsam verfassten Hörspielen und Stoff für einen Film erscheinen Erzählungen wie "Kontrapunkte", "Männer mit Frauen" oder "Elvis feiert Geburtstag", die durch eine geschliffene Sprache und die genaue, detailreiche Zeichnung der Figuren bestechen. Die Zahl der Publikationen über ihn aber, darunter die 2004 postum erschienenen Erinnerungen "Verlustanzeige", dürfte die seiner Werke übersteigen.

Hinterlassen hat Siegfried Pitschmann vor allem ein kleines, feines Prosawerk, mit dem sich die Literarische Gesellschaft Thüringen e. V. am 15. und 16. Januar in Weimar auf einer Tagung auseinandersetzt. Unter dem Titel "... mir selber ein Fremdling nach der Weisung des Dichters" soll in Vorträgen, Diskussionen und einem Film ("Leben mit Uwe") Leben und Werk des Schriftstellers beleuchtet werden.

Einer der Referenten ist Martin Schmidt aus Hoyerswerda. In seinem Beitrag "Sehnsucht nach Anfang" spricht er über Pitschmanns Zeit in der Lausitz und darüber, was dieses ständige Grübeln, Verwerfen und neu Beginnen, Pitschmanns "Sehnsucht nach Anfang" eben, für dessen Werk bedeutet hat.

"Wenn er von dieser Tagung wüsste", so Martin Schmidt, "würde er sehr genau zuhören. Er war ein kritischer Mensch, sich selbst und den Texten anderer gegenüber. Heldentum war ihm gänzlich fremd."

Informationen zur Tagung in Weimar: >>www.literarische-gesellschaft-thueringen.de

11.01.2010