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04.03.2013

"Dies ist nun das Ende, herzliebste Freundin..."

von Frank Quilitzsch TLZ

Aus glücklichen Tagen: Hochzeitsfoto von Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann. Foto: Ernst-Jäger-Archiv Bielefeld

Der ergreifende Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann ist im Aisthesis Verlag, Bielefeld, erschienen und schließt eine Lücke in beider Schriftstellerbiografie.

 

Am Anfang herrschte Leidenschaft pur: "Mein Gott, Brigitte, sollte es möglich sein, daß Du mich lieben könntest, mit all meinen Merkwürdigkeiten, Fehlern, Schwächen, Du Menschenkind, ausgezeichnet vor allen anderen, mit einem riesigen Herz-Innenraum, mit Übermaß von Gefühl, Verstand, und mit den großen Gesten Deiner Zärtlichkeit", schrieb Siegfried (Daniel) Pitschmann. Und Brigitte Reimann erwiderte: "Mein liebster Dan, (...) ich bin wahnsinnig vor Liebe zu Dir, und es wird alles gut werden, nicht wahr?"

Da waren sich am 21. März 1958 im Schriftstellerheim Petzow vor den Toren Potsdams zwei junge Schreibende begegnet, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Sie überschäumend vor Temperament, er bedächtig und von stark sinnlichem Reiz. Zwar sind beide verheiratet, doch Pitschmanns Ehe ist gescheitert und Reimanns Partner im Gefängnis, sie wird von der Stasi erpresst. Der Berliner Aufbau-Verlag, bei dem sie unter Vertrag sind, setzt große Hoffnungen auf das Paar. Nächtelang sitzen sie zusammen und träumen davon, wie es sein wird, wenn sie geschieden sind und zusammen leben in einer produktiven Arbeitsbeziehung. Doch daraus wird nichts. Es wird eine "Wahnsinns-Liebe", wie Brigitte Reimann in ihrem Tagebuch notiert. Und Siegfried Pitschmann, der wegen seiner "harten, amerikanischen Schreibweise" bei Walter Ulbricht in Ungnade fällt, leiht sich sieben Jahre später bei Hemingway das passende Fazit für die gescheiterte Beziehung: "Wär schön gewesen".

Die Korrespondenz schließt eine Lücke

Unter diesem Titel ist jetzt im Bielefelder Aisthesis Verlag der Briefwechsel zwischen Reimann und Pitschmann erschienen, der einen weißen Fleck in dem ansonsten lückenlos dokumentierten Leben der Autorin des "Franziska Linkerhand"-Romans schließt. Über Siegfried Pitschmann, den in den 1990er Jahren nach Suhl gezogenen Verfasser preisgekrönter Kurzprosabände, ist nicht so viel bekannt. Er hatte kurz vor seinem Tod in Gesprächen mit Marie-Elisabeth Lüdde seine kurze Ehe mit der Reimann bilanziert (Verlustanzeige: Erinnerungen, Wartburg-Verlag, Weimar).

Von 1958 bis 1964 lebten die beiden zusammen, erst bei ihren Eltern in Burg, dann in einer gemeinsamen Wohnung in Hoyerswerda. Es war die Zeit des "Bitterfelder Weges", in der ihre ersten literarischen Werke entstanden - eine Phase des gesellschaftlichen Aufbruchs in der noch jungen DDR.

"Der Intensität ihrer Liebe, der Seelenverwandtschaft, steht ein nicht miteinander in Einklang zu bringendes Lebenstempo gegenüber. Denn Siegfried Pitschmann, ausgerechnet ihm, dem gelernten Uhrmacher, läuft die Zeit davon, kostbare Lebenszeit", konstatiert Kristina Stella, die Herausgeberin, die den Briefwechsel akribisch und sehr sachkundig kommentiert. "Tagelang sitzt er manchmal an einem einzigen Satz, treibt Brigitte Reimann und auch seinen Verleger Günter Caspar damit zur Verzweiflung. Brigitte Reimann hingegen schreibt wie besessen, aber sie liebt auch so: ruhelos und auf der Suche nach dem alles überwältigenden Gefühl. Sie können nicht ohne einander leben, aber miteinander können sie auch nicht."

Folglich schreiben sie sich auch noch in der Phase der Trennung berührende Liebesbriefe. Insgesamt fanden 85 von ihr und 63 von ihm Eingang in den Band. Der Briefwechsel endet 1971. Brigitte Reimann erlag zwei Jahre später einem Krebsleiden, und so hat Pitschmann das letzte Wort, der in seinem Nachruf schrieb: "Jetzt, wo sie nicht mehr da ist, erscheint einem ihr viel zu kurzes Leben als dauernder Wechsel von Abfahrt und Ankunft, bezahlt mit Leiden und Produktivität."

Siegfried Pitschmann ist 2002 gestorben und wurde in Mühlhausen begraben. Man muss seinen als auch den Erben der Reimann dankbar sein, dass sie der Veröffentlichung der mitunter sehr intimen Briefe zugestimmt haben. Der ungewöhnlich emotionale Briefwechsel folgt einer Sehnsuchtsmelodie, die schon bei der ersten Begegnung in Petzow anklingt und von beiden immer wieder aufgenommen wird. Pitschmann saß in der Empfangshalle vor einem altmodischen Radio und lauschte einem Violinkonzert. Die Reimann stürmt mit einem Schwarm von Männern herein und ruft, ob es denn nicht was Flotteres gebe. Darauf Siegfried Pitschmann: "Das ist Oistrach, meine Dame - er spielt Beethoven!"

Immer wieder erinnern sich beide an diesen Moment, mit dem alles begann. "Ich höre das Klavierkonzert - unser Konzert", schreibt Brigitte Reimann später, "und ich muß einen Augenblick aufhören zu schreiben, und ich denke ganz sehr an Dich, mein Liebster."

Quälende Folgen einer Affäre

Sie sind aber nicht nur Liebhaber, sondern auch Schriftsteller mit Leib und Seele und betrachten das Schreiben als gesellschaftlichen Auftrag, der frühen Ruhm, doch nie ausreichend Geld einbringt. Auch davon erzählt der Briefwechsel: von ständigen finanziellen Sorgen, von Schaffenskrisen und überraschenden Erfolgserlebnissen - so gewinnen beide mit gemeinsam produzierten Hörspielen Preise. Doch Pitschmann erholt sich nie wirklich von jener kulturpolitischen Kampagne gegen ihn. Er gibt sein Romanprojekt auf, veröffentlicht nur noch Kurzprosa, erleidet Schreibblockaden und wird depressiv. Brigitte Reimann hingegen eilt von einem Bucherfolg zum nächsten: Für "Die Geschwister" erhält sie den Heinrich-Mann-Preis, sie beginnt die "Franziska Linkerhand", und man lädt sie ein zu einer Schriftsteller-Exkursion durch die Sowjetunion.

Und sie beginnt eine Affäre, betrügt ihren Mann. Das geht drei Jahre; Pitschmann versucht es zu verdrängen, zumal er spürt, dass Brigitte Reimann ihn immer noch liebt, doch es ist ein nicht endender "rasender Abschiedsschmerz", den er schließlich nicht mehr aushält. Er fühlt sich gänzlich zerstört: "Wer bist du?" schreibt er am 7. Februar 1964. "Ich weiß es nicht mehr. Ich begreife nichts mehr. Ich muß Dir voll Pein gestehen, daß Du mich zerrüttet hast, und ich weiß vorläufig immer noch keinen Weg zur Heilung."

Es gibt keinen. "Ich bin krank von Dir und nach Dir, und dies ist nun genug", schreibt Siegfried Pitschmann. "Dies ist nun das Ende, herzliebste Freundin"..." Sie lieben einander immer noch, doch nach langem, viel zu langem Siechtum reichen sie die Scheidung ein.

"Wär schön gewesen!" Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann, herausgegeben von Kristina Stella, Aisthesis Verlag, Bielefeld, 309 S., 24.80 Euro