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30.09.2011

Die Werkstatt des Erinnerns - Udo Scheer zum 60.

von Edwin Kratschmer TLZ

Am Montag, dem Tag der Deutschen Einheit, vollendet der Thüringer Autor und Publizist Udo Scheer sein 60. Lebensjahr.

 

Porträt Stadtroda. 1974 hatte mir Lutz Rathenow, Initiator des ausgiebig observierten Arbeitskreises Literatur in Jena, 13 poetische Texte zugesandt. Autor: Udo Scheer, 22 und Technologiestudent. Da befand er sich bereits im Fadenkreuz der Behörde. So landete alles, was er schrieb, in Akten und auf Halde. Erst zwei Jahrzehnte später, als die Mauer geschleift war, kamen seine Erzählungen von jenem Abraum unterm Titel "Z" ans Licht. Es waren in literarische Opuskel und einen Kurzroman gepackte groteske bis tragische Episoden aus jenem Mauerland, über das bereits wieder Gras zu wachsen drohte. Und es ging die Rede von Abwegen, Albträumen, Abrichtungen, Ausstiegen und Abgängen - beklemmende Geschichten aus einer Endzeit, in der er als unbestechlicher Diagnostiker seine Stimme erhob. Inzwischen war ich ihm jedoch vielfach als engagiertem Publizisten begegnet, der wider den Stachel des Vergessens löckte und einer unterdrückten Literatur Denkmale setzte. Es lag nahe, diese Vorgänge zu bündeln. In dem Buch "Vision und Wirklichkeit" berichtete er denn auch über jene faszinierende Phase der 70er- und 80er-Jahre, da Jena für kurze Spanne zum Tat- und Weltort geworden war: Junge Poeten, renitente "Stürmer und Dränger", hatten aufgemupft, und ein phobischer Geheimdienst hatte alles akribisch dokumentiert. So sind auch diese Akten heute wichtige Erinnerungsstücke einstiger Maßnahmewut, und das Maßnahmeobjekt Scheer weiß anschaulich davon zu berichten. Daher ist sein Buch geradezu ein Lehrbuch über Strategie und Taktik einer Erziehungsdiktatur. Dann Scheers drittes Buch: "Zeitrisse" - ein Blick zurück, als die Kants und Wolfs noch Schicksalsfäden zogen und ungehorsame Autoren wie Loest, Fuchs, Stötzer, Ullmann, Klier, Rachowski hinter Schloss und Riegel verbrachten oder in die Psychiatrie und/oder ins Exil verschoben. Es sind unglaubliche Berichte eines noch immer beunruhigten Insiders. Schließlich seine Biografie eines an den Haftfolgen früh verstorbenen Freundes: "Jürgen Fuchs - Ein literarischer Weg in die Opposition", angeschrieben gegen ein allzu rasches Verlöschen, Vergessen oder Verklären. Scheer erwies sich als kundiger Spurensucher und Erinnerer. Es entstand die schockierende Biografie eines "Staatsfeindes", von seinem exzessiv und obsessiv gelebtem Leben, zu lesen wie ein Politkrimi. Freunde und Mitstreiter, einstige Weggefährten, Weggesperrte und Weggehetzte berichteten als Zeugen. Und weiter sitzt der nimmermüde Rechercheur Scheer zwischen all den ihn bedrängenden publizistischen Arbeiten, die Tag für Tag auf seinem Tisch landen: über den jüngst verstorbenen Greizer Dichter Günter Ullmann etwa, das Opfer einstigen Psychoterrors. Gäbe es diesen Udo Scheer nicht, wir wüssten weniger über unsere teilweise recht obskure Vergangenheit. So schafft der ab Montag Sechzigjährige, der sich noch immer nach seinem großen Roman sehnt, als Dokumentarist mit operativer Publizistik in seiner Werkstatt des Erinnerns. "Scheer - ein politischer Autor?" fragte ich ihn jüngst. "Nein", sagte er, "ein durch Erfahrung geprägter und sensibilisierter."