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30.05.2010

Die verschiedenen Welten des C.D. Florescu

von Frank Quilitzsch TLZ

"Erfurt steckt voller Geschichte und Geschichten": Der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu an seinem selbstgewählten Arbeitsplatz im Café "Nerly". Foto: Peter Michaelis

Eine Begegnung mit dem neuen Erfurter Stadtschreiber, der in Rumänien geboren wurde und seit fast drei Jahrzehnten in der Schweiz lebt.


Erfurt. Sein Markenzeichen ist die Mütze. Mal taucht sie in diesem Café auf, mal in jenem. Frühmorgens im "Paparazzi". Ab Nachmittag meist im "Nerly". Manchmal auch zwischendurch im Kaffeestübchen "Mundlandung" auf der Krämerbrücke. Er liebt sie so, dass er die Mütze selbst bei Lesungen nicht abnimmt. Womöglich verbindet diese Kopfbedeckung ihn mit seiner alten Heimat Rumänien, in die er jedes Jahr reist, um Geschichten zu sammeln, einen Sack oder eine Mütze voll.
Der Schriftsteller Catalin Dorian Florescu ist Erfurts fünfter Stadtschreiber. Einer, der an dieser Berufung mit Leib und Seele hängt. Obwohl er erst wenige Wochen hier weilt und sein Radius eher klein ist, kennt er die Altstadt bereits besser als manch Einheimischer. Was auch daran liegt, dass er immerzu Leute trifft. Gestern las er in Weimar in einer Berufsschule, wobei ihn ein MDR-Fernsehteam begleitete. Heute Morgen hatte er wieder seine kleine Talkshow beim Erfurter Radio FREI. Nachher ist er zum Brunch in der Pergamentergasse eingeladen. Morgen soll er vor Senioren lesen. "Das sind die geplanten Dinge. Schöner noch sind die vielen spontanen Begegnungen", verrät der 42-Jährige.
Unterm Mützenschirm lugen dunkle, wache Augen hervor. Catalin D. Florescu lässt sich gern überraschen. Es gibt kaum einen Tag, an dem nichts passiert. Das erschöpft, aber auf angenehme Weise, "wie bei einem üppigen Essen". Dass das "Paparazzi" sein Frühstücks-Café wurde, liegt an der Nähe zur Synagoge, wo er seine kleine Stadtschreiberwohnung hat. In der Schweiz frühstücke er seit 15 Jahren im selben Café, erzählt Florescu. Ein Ritual. Er liest die Zeitungen und führt zwanglose Gespräche. "Schreiben beginnt für mich erst am Nachmittag. Am Vormittag erledige ich noch meinen Mail- und Briefverkehr."
Er sei ein urbaner Mensch und könne nur in Städten schreiben, erklärt er. In Zürich, München oder Dresden, wo er 2008 Stadtschreiber war. Als ihn mal ein Aufenthaltsstipendium an das Künstlerdorf Worpswede band, wich er nach Lübeck aus, um der Stille und Beschaulichkeit zu entfliehen. "Ich muss unter Leuten sein. Der Lärm im Café ist für mich eine mentale Übung. Da spanne ich mich wie ein Muskel."

Als Fünfzehnjähriger verließ er Rumänien


Dass er im Banat geboren wurde und Kindheit und Jugend dort verbrachte, merkt man dem heutigen Schweizer Staatsbürger kaum an, denn er spricht Hochdeutsch, ohne Schweizer Akzent. Doch seine Bücher handeln von Heimatverlust und Heimatsuche. Vom Weggehen und Wiederkommen. Und von dauerhafter Entwurzelung. Als Fünfzehnjähriger verließ Catalin mit seinen Eltern das von Nicolae Ceausescu und seiner Securitate unterjochte Rumänien.
"Was bin ich?" fragt Florescu in der Wohnung der Erfurter Familie K., die den Stadtschreiber zu einer Privatlesung im Freundeskreis eingeladen hat. Die lange Tafel ist liebevoll eingedeckt, doch die Tischordnung wurde kurzerhand gesprengt. Statt die Gesellschaft beim Brunch mit Geschichten zu unterhalten, verlangt der Akteur maximale Aufmerksamkeit. Die Stühle wurden zum Halbkreis aufgestellt; fünfzehn Damen im reiferen Alter hängen buchstäblich an des Vortragenden Lippen. "Bin ich", fragt Catalin D. Florescu in die Runde, "Rumäne?"
Alles, was er bis fünfzehn erfahren habe, den Sozialismus, das Leben in der Provinz, Freundschaften und erste Liebe, bänden ihn an das Banat. "Mein Heimatgefühl ist rumänisch." Doch die nächsten drei Jahrzehnte in seinem Leben seien schweizerisch - genauer: Zürcherisch - geprägt. "Mein geistiger Horizont, mein Menschenbild, meine Begrifflichkeit, meine Art zu schreiben, sind westeuropäisch. Aber auch das ist nur eine Facette von Heimat. Wo ich auch bin, immer fehlt der andere Teil."
Man nickt und schaut auf den Schriftsteller wie auf einen zerrissenen Menschen, den nur noch die Mütze zusammenhält. Oder sein Roman, von dem er erzählt: "Der blinde Masseur". Das Werk handelt von einem rumänischen Büchernarren, der, als er erblindet, einen Weg findet, seiner literarischen Leidenschaft weiter zu frönen. Er verdingt sich als Masseur, und während er seinen Klienten den Rücken walkt, lässt er sich von ihnen vorlesen."
Eine wahre Begebenheit, wie Florescu schwört. Er habe den blinden Mann besucht, der heute mit 30 000 Büchern in einem Plattenbau lebe. Auch sein Roman "Zaira", dessen Einleitungskapitel er anschließend vorträgt, fuße auf Tatsachen. Die Marionettenspielerin Zaira musste aus Rumänien fliehen, weil sie ihren Pinocchio die Wahrheit sagen ließ. Der Autor hat sie in Washington besucht.

Der Schalk blitzt unter der Mütze

"Gibt es Rückmeldungen?" Florescu schaut seine Zuhörerinnen neugierig an.
Wie er zu seinem Posten als Stadtschreiber gekommen sei, womit er sich beworben habe, will Frau K. wissen. Er lächelt. "Das war so: Der Erfurter Oberbürgermeister ist mit einer Abordnung des Stadtrats nach Zürich gereist, sie haben mein Haus belagert und mir den Erfurter Schatz angeboten ..."
Für einen verwirrenden Moment blitzt der Schalk unter seiner Mütze. Nein, nein, stellt er klar, beworben habe er sich mit seinem neuen Romanprojekt. Ab Juni werde er täglich im "Nerly" sitzen, um an dem auf 400 Seiten geplanten rumänischen Familienepos mit dem Arbeitstitel "Jakob beschließt zu lieben" zu schreiben. Ob er auch weiter am Kulturleben teilnehmen werde, will man noch wissen. "Das mach' ich doch sowieso." Dann wird das Gespräch an der Tafel fortgesetzt, weil das Buffet und die knurrenden Mägen der Gäste nicht länger warten können.
Was das Besondere an Erfurt sei, frage ich den Stadtschreiber, als wir uns zum Café "Nerly" aufmachen. "Es ist eine Stadt voller Geschichte und Geschichten." Die große Geschichte sei hier immer wieder zu Gast gewesen, mit den Preußen, den Mainzern, den Sachsen. Luther war hier, Napoleon und der russische Zar. Und es passieren tausend kleine Geschichten. Jemand wie er liebt eher die kleinen.
Florescu geht sehr langsam, doch sein Mundwerk kommt in Fahrt: "Erfurt ist doch eine tolle Stadt! Hier soll Till Eulenspiegel gelebt haben." Solch ein Narr sei eine poetische Herausforderung an die staubtrockene Wirklichkeit. Auch, dass Doktor Faustus seine alchimistischen Wunder vor der staunenden Erfurter Menge vollführt habe, begeistert den Zugereisten. Oder dass sich die Leute dereinst vor den Puffbohnenfeldern verbeugten. Und ein Bürgermeister, der auf dem Fischmarkt enthauptet wurde, weil die Stadt zu viele Schulden anhäufte, soll hier noch immer mit dem Kopf unterm Arm herumlaufen - am hellichten Tag!

Auch kurze Wege führen ins Weite

Ist er ihm schon begegnet? "Natürlich", flunkert Florescu, "immer wieder. Wie können Sie einen Schriftsteller so etwas fragen!"
Solche Geschichten, die er sonst nur auf seinen Reisen durch Rumänien hört, beflügeln den Autor. Man dürfe dabei aber nicht die aktuelle soziale und kulturelle Wirklichkeit ausblenden. Auch die gehöre zu dieser Stadt.
"Würden Sie mir vielleicht die Bücher abnehmen", bittet er mich plötzlich. "Dann kann ich mich besser auf den Weg konzentrieren."
Das Erfurter Kopfsteinpflaster ist für Florescu eine Herausforderung, denn er leidet seit seiner Kindheit unter einer Gehbehinderung. Als er neun Jahre alt war, nahm ihn der Vater mit nach Amerika, um ihn dort einem Spezialisten vorzustellen. Der Vater, der in Timisoara ein angesehener Ingenieur war, musste in New York Teller waschen, um die nötigen Dollars für die Operation zusammen zu bekommen. Der Eingriff brachte nicht den erhofften Erfolg, und sie kehrten nach Rumänien zurück.
Auch kurze Wege führen ins Weite. Inzwischen kenne er schon die halbe Pergamentergasse, erzählt der Stadtschreiber. Neben dem Ehepaar K. wohne die Familie eines rumänischen Violoncello-Spielers, der mit der Philharmonie auftrete. Und im Frauenzentrum gegenüber ist Florescu vor zwei Wochen gewesen.
Wo er denn nun zu Hause sei? Der Rumäne mit dem Schweizer Pass schweigt lange. Und holt weit aus: "Es ist nicht die Sprache. Das wäre eine Reduktion des Heimatbegriffs. Deutsch ist für mich die Kreativitätssprache, doch sie bleibt außerhalb meines Wesens. Das Rumänische ist innerhalb." Aber Heimat? "Es gibt Leute, die sagen, Heimat ist dort, wo meine Familie ist. Das ist auch eine Reduzierung." Oder die selbsternannten Weltbürger, die von sich behaupten, keine Heimat zu brauchen - "ich weiß nicht, ob das nicht eher ein Versuch ist zu beschönigen, dass man ein Entwurzelter ist".
Für Catalin Dorian Florescu ist Heimat ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Welten: die rumänische Kindheit und Jugend mit der Erfahrung der Landschaft, des Lichts, der Gesichter der Großeltern auf der einen Seite und die westeuropäische Gegenwartserfahrung auf der anderen. "Heimat muss auch gestaltet sein, man muss sich für sie engagieren. Ich lebe ja nicht in Rumänien. Ich fahre hin, lade meine Freunde zum Essen ein und verschwinde wieder. Aber ich bin aktiver Teil des deutschsprachigen Kulturlebens, ich bin im Hier und Jetzt verankert."
Vielleicht ist Schreiben für ihn die einzige Möglichkeit, beide Welten zu verbinden. Seine auf Deutsch verfassten Romane spielen in Rumänien und erscheinen in Übersetzung in einer Reihe mit rumänischen Autoren. "Ich bewege etwas in meiner alten Heimat, ohne dass ich dort lebe", sagt Florescu. "Durch ein Hintertürchen finde ich zurück in die rumänische Gesellschaft."

ZUR PERSON

Der in Rumänien aufgewachsene Catalin Dorian Florescu ist Erfurts fünfter Stadtschreiber. Bis zum 31. Juli erkundet er das Leben in der Thüringer Landeshauptstadt, schreibt Kolumnen und arbeitet an seinem neuen Roman.
Florescu wurde 1967 in Timisoara geboren. 1982 ging er mit den Eltern in den Westen. Die deutsche Sprache erlernte er erst in der Schweiz, wo er Psychologie und Psychopathologie in Zürich studierte. Von 1995 bis 2001 arbeitete er als Therapeut in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige. Seit Ende 2002 ist er freier Schriftsteller. Seine in deutscher Sprache verfassten Romane - "Wunderzeit" (2001), "Der kurze Weg nach Hause" (2002), "Der blinde Masseur" (2006) und "Zaira" (2008) - wurden mit vielen Preisen bedacht.

Lesungen:
12. Juni, 17 Uhr, Bürgerhaus Erfurt/Tiefthal
20. Juni, 11 Uhr, Eckermann-Buchhandlung Weimar