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15.02.2005

Die 'Störenfriede' stören weiter

von Rita Specht TLZ

Jena. (tlz) Ist Literatur auch unter den Bedingungen der Demokratie ein Störfaktor? Ja, sagt Autor Uwe Scheer. Und führt Ines Geipel an. Als sie nach dem Gutenberg-Massaker ihr Buch "Für heute reicht´s" veröffentlichte, war sie massiven Angriffen ausgesetzt. Die Regierung wollte keine Fehler zulassen, Betroffene bittere Wahrheiten nicht an sich heranlassen. Immerhin schaffte es Ines Geipel, dass sich das Thüringer Innenministerium noch einmal mit dem Fall beschäftigen musste. Sie hat gestört.

Gestört haben auch Gabriele Stötzer, Lutz Rathenow, Udo Scheer und Freya Klier. Sie störten zu DDR-Zeiten mit Systemkritik, und sie stören heute wieder. Diese Autoren und dazu noch Matthias Biskupek und Martin Straub vom Lese-Zeichen-Verein treten am Freitag, 18. Februar, zur Tagung "Störfaktor Literatur" im Ricarda-Huch-Haus auf. Erinnern soll der literarische Erinnerungs- und Zukunftstag an den Jenaer Arbeitskreis Literatur unter Leitung von Lutz Rathenow, von dem 1973 bis 1975 Impulse für einen freien Umgang mit Literatur ausgingen.

Udo Scheer, der eine Einführung in die Nachmittagspodien gibt, wies gestern noch einmal darauf hin, dass die Tagung vom Jenaer Schulamt als Lehrer-Weiterbildung offiziell empfohlen wird. Er freut sich auch auf Gäste wie Karin Clark von der P.E.N.-Organisation "Writers in Prison". Clark spricht im Teil "Literatur als Störfaktor heute" u.a. über die Situation verfolgter Schriftsteller. Allein 734 Journalisten und Autoren weltweit sind im zweiten Halbjahr 2004 verschwunden, in Haft genommen, attackiert oder getötet worden, geht aus ihrem Bericht hervor. Die Exil-Chinesin Xu Pei will über verfolgte Schriftsteller im asiatischen Raum berichten.

Was bietet die Tagung noch? "Innere Wanderungen", Texte des Arbeitskreises Literatur, die der Sprachjongleur Heinz Ratz vorstellt, bevor die Autoren von damals ihre Texte von heute interpretieren.

Ab 23 Uhr schlägt die Stunde der Debütanten. In der Jungen Gemeinde ist dann eine Literatur-Session geplant, in der Nachwuchsliteraten ihre Texte vorstellen können. Also: Nur Mut, irgendwann muss das Geschriebene ja mal aus der Schublade!

Zur Tagung laden ein die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, die Thüringer Landesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit, der Verein Lese-Zeichen, die Geschichtswerkstatt Jena, der Friedrich-Bödecker-Kreis und das Thüringer Kultusministerium. Dem Kultusministerium gebührt laut Udo Scheer besonderer Dank, trägt es doch die Ausgaben allein zu über einem Drittel.

Die Nachmittagsveranstaltungen sind kostenfrei. Für die Abend-Lesungen wird 5 Euro Eintritt erhoben.