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23.10.2007

Die Stadt der Dichter im Bild

von Frank Döbert Ostthüringer Zeitung

Ausstellung in der Goethe Galerie über Dichterhäuser im "verlorenen Jena"

Von OTZ-Redakteur Frank Döbert Jena. Jena ist nicht nur eine Stadt der Wissenschaft, sondern auch der Dichter und Denker. Die Jenaer wissen dies natürlich (im Gegensatz zu vielen Besuchern der Stadt). Doch für sie alle dürfte die Ausstellung, die seit gestern unter dem Titel "Das verlorene Jena" in der Goethe Galerie zu sehen ist, einiges Neue bieten. Denn diesmal werden nicht Straßen und Plätze vorgestellt, sondern die "Dichterhäuser".

Dies aus dem reichen Bestand der im Besitz des Stadtmuseums befindlichen Glasplatten, 3000 Stück an der Zahl, herauszufinden, sei keine leichte Aufgabe gewesen, so Museumskustodin Birgitt Hellmann. Deshalb sind die in der Ausstellung zu sehenden Fotografien vielleicht auf den ersten Blick nicht so spektakulär, doch wenn man erfährt, dass der Vorbewohner eines Haues ein berühmter Dichter war, dann dürfte schon etwas Stolz aufkommen. Ein Beispiel dafür ist ein Foto aus der Sophienstraße aus dem Jahr 1918, auf dem ein Demonstrationszug aus der Zeit der Novemberrevolution zu sehen ist. Zur gleichen Zeit wohnte hier Johannes R. Becher im Haus Nr.9. Oder die Jenaergasse 6, einstmals die "Hopfenblüte", jetzt das "Immergrün". Hier wurde Georg Bötticher geboren, der 40 Versebücher, Schwänke und ähnliches verfasste, als wohl bekanntestes 1895 "Das lustige Jena". Bötticher hatte den Humor seinem Sohn wohl in die Wiege gelegt - der nannte sich später Ringelnatz. Gegenüber, in der Jenaergasse 9 wohnte, allerdings 100 Jahre zuvor, Friedrich von Hardenberg, bekannt als Novalis, damals, 1790/91, als Student der Juristerei. Und so geht es fort durch das alte Jena bis hin zu Schiller und Goethe oder Ricarda Huch. Doch viele der Dichterwohnungen und -häuser sind, wie die Schrammei, Schillers erste Wohnung in Jena seit 1789, 1945 ein Opfer der Bomben geworden und damit für immer verloren. Wie sehr beieinander Literatur und die Politik liegen können, die zur Zerstörung führte, zeigt sich beim (wieder aufgebauten) Kirstenschen Haus. Dort hatten Schiller und Goethe 1794 ihre denkwürdigen Begegnungen, ab 1920 aber befand sich beim Kaufmann Kirsten die Geschäftsstelle des neu gegründeten deutschvölkischen Vereins, des Vorläufers der NSDAP in Jena.

Die reiche Literaturgeschichte, die die Ausstellung - Konzeption Jens-Fietje Dwars und Palmbaum e.V. in Zusammenarbeit mit dem Ricarda-Huch-Arbeitskreis - auch in Vitrinen vorführt, lässt zugleich bei Betrachtern und Literaturfreunden die Frage aufkommen, warum sich denn Jena nicht dauerhaft mit dieser Geschichte in den Museen präsentiert. JenaKultur-Marketing-Chefin Ellen Staubesand ist sich bewusst, dass es allerhand Nachholebedarf in dieser Beziehung gibt. Der könne aber nur in kleinen Schritten realisiert werden, sagte sie. Anlass dazu bieten sowohl das kommende Jahr mit "Stadt der Wissenschaft" als auch das "Schillerjahr" 2009. Im nächsten Jahr werden Schiller und Goethe weniger als Dichter denn als Professor der eine und Naturforscher der andere zum Uni-Jubiläum herausgestellt. Ein Jahr später, die touristische Werbung dafür wird jedoch schon zu Jahresbeginn 2008 erfolgen, wird Schiller wieder ganz der Dichter sein aus Anlass seines 250. Geburtstages. Bis dahin hoffe man auch in der Kooperation mit der Universität einige Schritte weiter zu sein. "Auf der Arbeitsebene wächst das gegenseitige Verständnis und Engagement." Das dieses Engagement in den beiden Themenjahren an Fahrt gewinnen wird, davon geht die marketing-Chefin ganz sicher aus.