Presse - Details

 
04.11.2013

Die Sendung mit dem Paul

von Peter Lauterbach Meininger Tageblatt

Dichterwettstreit - nun ja, dem Namen nach wäre Jean Paul dieser Meininger Lor- beerkranz wohl absolut sicher gewesen. Denn das hübsche deutsche Substantiv passt zu seinem Zeitalter wie zu seinem Beruf: Dichter. Doch die Gedankenwelt von Klassik bis Romantik - längst ist sie nur noch bedrucktes Papier, die mit fremder Hilfe zum Leben erweckt werden muss. "Die Sprache ist ein Gewölke, an dem jede Phantasie ein anderes Gebilde erblickt." Ist das nicht schön formuliert? Als Jean Paul von 1801 bis 1803 in Meiningen Quartier nahm, da wusste er sogar die preußische Königin Luise unter seinen lesenden Verehrerinnen.

Vorbei. Der Dichterwettstreit heißt heute "Poetry Slam". Die Dichter erscheinen als "Slammer" auf der Bühne und formulieren Sätze wie "Halt meine Hand!" - (wenn man amStrand entlang geht). Oder: "Halt, meine Hand!" - (wenn man am Stamm entlang sägt). Das Komma macht den Unterschied, der erst im Vortrag zur Geltung kommt. Auf die Betonung kommt es nämlich an. Dalibor Markovic sagt solchen Text in Meiningen. Nein, er zelebriert ihn. Und begeistert jubeln Jury wie Publikum: Eins zu null gegen Jean Pauls Gedankenfetzen bei diesem Wett- kampf der Worte am Freitagabend im "Rautenkranz". Draußen tobt zu solcher Zeit noch der Kaufrausch beim Mitternachtsshopping.

Poetry Slam ist in Meiningen Kult - seit man sich im Kulturhaus der Eisenbahner regelmäßig zum Wettstreit der Worte trifft. Das städtische Kulturamt hat dieses offenbar ausbaufähige "Format" im Jubeljahr Jean Pauls zur Performance weiterentwickelt. Gut und gerne zwei Jahre lebte der bayerische Dichter schließlich in Meiningen. Das verpflichtet neben musealer Aufbewahrung zum spielerischen Umgang mit Person und Werk. Reichlich zwei Jahrhun- derte später heißt es also nicht nur "RAW-Poetry", sondern zum ersten Mal auch "Dead or Alive". Vier le- bende Dichter gegen die Worte eines toten. Der Berliner Felix Römer, die Marburgerin Dominique Macri, der Frankfurter Dalibor Markovic und Lucas Fassnacht aus Erlangen gegen Jean Paul. Und weil vier gegen einen unfair ist, sich der alte Paul auch ein bisschen in Szene setzen muss, um überhaupt eine Chance zu haben, leihen ihm vier gestandene Meininger Schauspieler ihr Talent: Anna Gaden, Meret Engelhardt, Lukas Benjamin Engel und Renatus Scheibe. Vier gegen vier - die einen Profis im Schreiben, die anderen im Ausdrücken - da mag keiner den Sieger des Abends prognostizieren.

 

Die Truppe aus dem Theater erntet sogar kleine Vorschuss-Lorbeeren: Beim Aufwärmen kitzelt sie Showmaster Tobias Glufke aus dem Publikum heraus. Das Beste an Meiningen? "Das Theater" - natürlich! (Das Schlimmste: "Stromausfall" und "Weihnachtsmarkt".) Motiviert treten "Die Versprecher", die spontan zum Team titulierten Theaterleute, auf die Bühne und bieten mit irrem Witz Werbesendung, Wettervorhersage und Sportübertragung - lauter Satzgebilde Jean Pauls im Sprachstil unserer Zeit. Dalibor Markovic hält dagegen: Eins zu null gegen Jean Paul. Aber nun: "Die Sendung mit dem Paul" - Wer oder was ist Jean Paul? Was ist überhaupt Sprache? (Ein "Gewölke, an dem jede Phanta- sie", und so weiter.) Da schnüffelt die Maus, trötet der Elefant, erklären die "Versprecher" in schönster TV-Parodie - doch ihre wortgewaltige Gegen- spielerin heißt Dominique Macri. Und die kann einen himmlisch leichten Text mit himmlisch süßer Stimme in den Raum säuseln. Ihre Augen leuchten: Zwei zu null gegen Jean Paul. Es wird besinnlich im Lager des alten Dichters. Besinnlich bis zuweilen tragisch. Oh je, das ist nix für diesen Abend! Sie zelebrieren die Worte, feilen, schleifen, glänzen sie - aber Felix Römer meint nur: "Ihr habt doch einen Schuss!" Nein, nicht die Leute vom Theater, sondern, die gegen die es in seinem Text geht: Drei zu null gegen Jean Paul. Nun aber müssen die "Versprecher" endlich punkten! Die Frauen und Jean Paul - ein weites, ein ergötzliches Feld! Von "weißlichen Porzellanschnecken" ist in ihrer Performance die Rede. Und sie könnten endlich einmal gewinnen, denn Lucas Fassnacht von den Lebenden schwächelt ... - aber die Jury entscheidet: Vier zu null gegen Jean Paul. Das Publikum mag anderer Meinung sein.

Die Fangemeinde jubelt

Nun, im Finale, da drehen die Schauspieler auf: Wortschöpfungen Jean Pauls gegen Stehgreif-Dichtung der Slammer: "Weltschmerz", "Angsthase", oder "Sprachgitter" - solche Worte kreisen in einer tollen, kanonartigen Darbietung gegen ein nun ja, holpriges Textchen. Das hat Schmiss! Da strahlen sie - na klar. Vier zu null gegen Jean Paul - an den Schauspielern lag das nicht. Die klassischen Texte sind eben einfach nicht griffig genug für moderne Darbietung. Und Slammer können auch gut dichten. Im Übrigen zählt weniger das Ergebnis. Sondern der Spaß. Und den hatte eine jubelnde Meininger Poetry-Fangemeinde. Den Saal im Rautenkranz - man hätte ihn an diesem Abend wohl zweimal füllen können.